Ein offener Brief an das Patriarchat – Dein Bündnis mit der weibliche Scham

Guten Tag Patriarchat 

Zum Internationalen Frauentag am 8. März habe ich erstmals in einem offenen Brief über meine Erkenntnisse berichtet: Was deine Strukturen mit mir gemacht haben und wie ich mich davon befreien will. 

Heute erzähle ich dir von meiner ersten Saunaerfahrung als frisch volljährige Frau und von meiner jüngsten als deine Kritikerin. 

Ich konfrontiere dich heute mit dem Thema weibliche Scham. 

Bis vor wenigen Jahren bestand ein Grossteil meines Fokus darin, einem von dir vorgegebenen Schönheitsideal zu entsprechen: Glattrasiert, top frisiert, duftend wie eine Blume. Läck, war das viel Arbeit! Es konnte nicht glatt und top und duftend genug sein. Und trotzdem habe ich immer einen Makel an mir gefunden, der mich verunsicherte. 

Eines Tages haben meine Freundin und ich entschieden, eine textilfreie Sauna zu besuchen. Damals gab es noch keine Zeiten, in denen nur Frauen Zutritt hatten. Oder wir wussten es schlicht nicht. Erfreut über unsere gemeinsame Zeit, machten wir uns auf in Richtung Wahl-Bad. Natürlich hat sich jede von uns vorher intensiv mit unserer Körperbehaarung auseinandergesetzt. Es war aufregend. Viel Erfahrung mit Saunagängen hatten wir bisher nämlich nicht. 

Da waren wir also – bereit für eine neue Erfahrung. Noch unsicher und schüchtern, bedeckten wir uns mit einem von der Rezeptionistin ausgehändigten Tuch, als sich ein etwas älterer Herr in dieselbe Sauna gesellte. Breitbeinig und ohne jegliche Scham setzte er sich unweit von uns hin und liess seine Genitalien baumeln. Es war spürbar, dass er uns musterte. Gefühlt unentwegt glitten seine Augen über unsere jungen Körper. Als wäre das nicht genug, erklärte er uns kurz darauf, dass “man” sich in der Sauna nicht bedecken sollte – das könnte einen Wärmestau verursachen. Wir sollten uns besser freimachen. Sagte er so dahin, seine Genitalien unter dem dicken Bauch selbstbewusst exponiert. Wir entschieden uns schweigend, die Sauna zu verlassen. 

Wir gingen. 

Ohne ein Wort. 

Weder zueinander noch zur überraschten Rezeptionistin. 

Alles, was seine Grenzüberschreitung hinterliess, war ein unangenehmes Gefühl, das wir nicht benennen konnten. 

Wir schämten uns leise. 

Die weibliche Scham – sie wartet nicht nur im besagten Wellnessbereich. Sie lauert überall im Alltag. Im  Spiegel, in der Umkleidekabine, in der Bar. Sie schreit: „Zu viel!“, “zu wenig!”, “nicht richtig!”… 

Scham für den eigenen Körper: die Behaarung, die Menstruation oder Körperfett an der falschen Stelle. 

Scham für sexuelle Lust. 

Scham für Sensibilität. 

Scham, Grenzen zu setzen. 

Scham, nach Hilfe zu fragen. 

Scham, nicht allem gerecht zu werden. 

Die Liste ist lang. 

Die Scham hält deine Männer im Gegensatz weniger klein. Sie schämen sich weniger für ihren Körper – je mehr Körperbehaarung, desto männlicher.

Sexuelle Lust ist gerne biologisch bedingt – ein natürlicher Trieb. 

Nein sagen und Grenzen aufzeigen? Das ist doch wahre Stärke! 

Allem gerecht werden? Müssen sie häufig nicht. Das ist nicht ihre Aufgabe. 

Die geschlechtsbezogenen Unterschiede bei der Scham sind wohl kaum ein Zufall.

Die weibliche Scham zeigt sich für mich als eine deiner erfolgreichsten Strategien. Durch sie zieht sich Frau zurück. Sie schweigt. Sie möchte nicht auffallen.

Neulich überwand ich meine schlechte Sauna-Erfahrung von damals. 

Unrasiert. Und alleine.

Beim Eintreffen im selben Wahl-Bad informierte mich die Rezeptionistin, dass noch zwei Stunden nur Frauen Zutritt zum Wellnessbereich haben. Das wusste ich bereits und äusserte, dass ich das ein sehr fortgeschrittenes Konzept finde. Sie bedankte sich und meinte: „Ja gäll, es ist schon angenehmer nur unter Frauen.” Ich verstand ihre Aussage und zugleich störte es mich, in welcher Selbstverständlichkeit der Satz kam. Ist es einfach normal und tolerierbar, dass es für Frauen unter nackten Männer mit baumelnden Geschlechtsteilen und unreflektiertem Mansplaining unangenehm werden kann? 

Da war ich also, 15 Jahre später. Unrasiert und unbedeckt setzte ich mich in dieselbe Sauna. 

Du fragst dich nun bestimmt, was anders war.

Nun ja. Ich bin geblieben. 

Ich habe erstmals mit 35 Jahren meine Scham überwunden. Es kostete mich viel Kraft, mich das erste Mal in meinem Leben mit unrasierten Beinen in der Öffentlichkeit zu zeigen. Aber das Gefühl nach der Überwindung war wundervoll. Ein Gefühl von Freiheit und Selbstliebe. Und Stärke! 

Du lehrst uns, dass unrasierte Frauenkörper unhygienisch sind. Entschuldige bitte, warum gelten unrasierte Männerkörper nochmal als natürlich? Ich finde beim besten Willen den Unterschied nicht. Körperbehaarung hat bei Frauen genauso einen Nutzen wie bei Männern. Da hat sich wohl Mutter Natur genügend Gedanken gemacht, sodass ich dies eigentlich nicht tun müsste. 

Etwas lässt mich zudem nicht los: Diese glatt rasierten Körper wirken auf mich kindlich. Ganz, als würdest du Frau gezielt Zeichen des Erwachsensein nehmen. Und damit vielleicht auch die Gleichberechtigung auf Augenhöhe. 

Dein Einfluss ist stark und es ist schwer, sich davon zu lösen. Doch je öfter du mir nun dein Gesicht zeigst, desto lieber zeige ich dir meine Körperbehaarung. 

Liebe Grüsse und bis zum nächsten Mal.

Keeoma

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