Tic Tac Toe – Als Kind mitgesungen und heute verstanden

Musik begleitet uns ein Leben lang. Als Kind singen wir mit, ohne die Bedeutung zu verstehen. Jahre später hören wir dieselben Lieder wieder – und plötzlich erzählen sie eine ganz andere Geschichte. So ging es mir mit Tic Tac Toe.

In meiner Kindheit wurde ich von einer kunterbunten Musikwelt geprägt. Von Schweizer Klassikern wie „Mani Matter“ über Rockerin „Melissa Etheridge“ und Heavy Metal „Metallica“ war alles am Start. Das CD-Regal meiner Eltern lud zum Stöbern und Reinhören ein. Als ich etwa 8 Jahre alt war, wurden diesem magischen Regal die zwei Alben der deutschen Pop-Rap-Band „Tic Tac Toe“ hinzugefügt. Im deutschsprachigen Raum war es meines Wissens die erste rein weibliche moderne Pop-Rap-Band, die bei vielen Musikhörer*innen das blanke Entsetzen auslöste.

Ich verstand relativ schnell, dass in ihren Liedern Dinge ausgesprochen wurden, die unausgesprochen bleiben sollten. Es fühlte sich irgendwie verboten an, es zu hören. Das reizte mich. Mit meiner Freundin veranstaltete ich geheime Playbackshows im Wohnzimmer. Die CD lief rauf und runter, bis ich alle Texte auswendig konnte. Immer mit dem Gefühl, als würde ich eine Grenze überschreiten.

Ich kann mich noch sehr gut an ein spezifisches Schulabschlussfest erinnern. Da musste ich in der 6. Klasse gewesen sein. Jedes Jahr am Abschlussfest im Sommer gab es eine Mini-Playbackshow, welche sehr beliebt war. Zwei Freundinnen und ich entschieden, dass wir ein Lied von Tic Tac Toe performen wollen. Der Song „Ich wär so gern so blöd wie du“ hat es uns besonders angetan. Wochenlang haben wir geprobt und bis ins kleinste Detail die Kostüme geplant. Es hat unglaublich viel Spass gemacht, in diese Rollen zu schlüpfen. Immer mit dem Gefühl im Hintergrund, etwas zu rebellisch zu sein.
*Trommelwirbel* Wir haben so etwas von abgeräumt und den ersten Platz belegt. Unsere Show kam dermassen gut an, dass noch Jahre danach darüber gesprochen wurde.

Fast 30 Jahre später stolpere ich per Zufall wieder über ihre Musik. Alte Erinnerungen werden wach und ich freue mich, die Lieder wieder zu hören. Die Texte sitzen immer noch, ich singe mir die Lunge aus dem Leib:

„Hallo wir sind Tic Tac Toe
Und du willst mir erzählen, wir ham kein Niveau
Weil wir Wörter benutzen, die dich verdutzen
Die deiner Meinung nach die Umwelt verschmutzen
Laber, laber, laber, ich brauch‘ dich nicht, vielleicht brauchst du mich du Blockflötengesicht“

Hihi, Blockflötengesicht!

„Er fängt an zu diskutieren:
„So kann man mich nicht abservieren
Ist doch alles halb so wild
Du hast von mir ein falsches Bild
Ich mach’s doch nicht mit jeder, ich weiß schon was ich tu‘
Du hältst mich wohl für blöde, lass‘ mich jetzt damit in Ruh‘
Jetzt komm schon wieder her und glaub mir, es wird schon nichts passieren
Du wirst es nicht bereuen, lass‘ uns endlich amüsieren!“
Er denkt, dass er durch seinen Charme alles mit mir machen kann
Ich glaub‘ der hat was nicht kapiert, jetzt fängt der Scheiß von vorne an
Ich find‘ dich wirklich super süß und werd‘ verrückt wenn du mich küsst
Doch das reicht mir nicht aus als Grund, russisch‘ Roulette ist ungesund
Du gehst mir auf den Keks
Noch nie gehört von AIDS?“

Ja hallo, Gaslighting und emotionale Manipulation.

„Er sagt jetzt: „Sei doch mal still, das war doch nur ein Spiel
So, wie du mich anschaust, ham‘ wir ja wohl das gleiche Ziel
Ich denk‘, wir sollten den Strand so langsam mal verlassen
Ich werd‘ dir was zeigen, da wirst du, oh, oh, erblassen!“

Mhm. Komplett übergriffiges Verhalten.

„Bescheiden bist du nicht
Das sagst du jedem ins Gesicht
Ob er’s hören will oder nicht
Ist dir egal, denn du hältst dich für genial“

Grr… Mansplaining.

Plötzlich überkommt mich ein komisches, fast schon schmerzhaftes Gefühl: Ihre Themen sind nach 30 Jahren nicht veraltet. Sie sind erschreckend vertraut und aktueller denn je.

Die Band hat sich meines Wissens nach nie öffentlich als Teil einer feministischen Bewegung positioniert. Das hätte wohl den Rahmen dessen gesprengt, was jungen Frauen an Rebellion überhaupt zugestanden ist. Doch ihre Worte und Wahrnehmungen berühren viele Fragen, die heute ein grosser Teil feministischer Debatten sind: Fehlender Raum für Frauen, sexualisierte Gewalt, Geschlechterungleichheit, korrupte Politik. Weltschmerz. Basically, ein Stinkefinger Richtung Patriarchat. Alles in einer Sprache, die Aufsehen erregt. Laut und provokativ.

Als die Band ein paar Jahre nach den zwei Alben plötzlich von der Bildfläche verschwand, machte ich mir nicht weiter Gedanken. Alles was ich am Rande, resp. im Internet langsam wie eine Schnecke auf Valium, mitbekam war, dass sich die Band im Streit getrennt hat. Frauen halt. Zickig und hysterisch. Der Bruch der Band schien niemanden gross zu erstaunen.

In den Medien wurden sie meist runtergespielt, als vulgär bezeichnet und nicht ernst genommen. Und ach du meine Güte, Rapperinnen? Überlasst das doch bitte, wie fast alles andere auch, den Männern.

Der gesellschaftliche Umgang mit diesen drei jungen Frauen lässt mir heute die Haare zu Berge stehen. Abgesehen vom Vorwurf, ihre Texte seien vulgär, interessierte sich kaum jemand für ihre eigentliche Botschaft. Was aber wie immer gaaanz genau unter die Lupe genommen wurde, war ihr Aussehen, ihre Körper und oberflächlich die Persönlichkeiten.

Wenn Männer vulgäre Musik machen, wenn darin über Gewalt, Sex und Drogen gesprochen wird, ist das auf eine Art und Weise akzeptiert, die mich heute einfach nur wütend macht. Auch hier, die Emotion der Wut ist im männlichen Kontext toleriert. Bei Frauen ist Wut unattraktiv, dümmlich und unangebracht. Tic Tac Toe ist nur eines von vielen Beispielen.

Warum macht es bis heute Menschen so nervös, wenn Frauen Raum einnehmen?

All diese Kämpfe sind nicht neu. Im Gegenteil, wir stecken immer noch mitten drin und momentan fühlt es sich an, als würde es gerade wieder schlimmer werden. Doch vielleicht entdecken wir hier etwas Hoffnungsvolles: Themen, die früher nur versteckt in Liedern oder Gesprächen unter Frauen stattgefunden haben, können heute benannt werden. Es gibt Namen für diese Kämpfe, für die wir lange keine Worte hatten.

Tic Tac Toe hat mich als Mädchen nicht bewusst feministisch geprägt. Doch sie haben ausgesprochen, was andere nicht getrauten und ich bin froh Teil einer Rebellion gewesen zu sein. Manchmal braucht es halt ein paar Jahrzehnte, bis wir verstehen.

Und bevor wir endgültig in Weltschmerz versinken:

Shoutout to my two friends Alexandra und Fränzi: Ich bin stolz auf uns! Unsere kleine Rebellion war ein Erfolg, auch wenn sie (noch) nicht bewusst war.

Und shoutout an die Schule: Danke, habt ihr das Lied nicht nach den ersten 20 Sekunden abgebrochen.

1 Kommentar zu „Tic Tac Toe – Als Kind mitgesungen und heute verstanden

  1. Avatar von sori1982

    Vielen Dank für den Beitrag, den ich sehr gern gelesen habe. Ich war selbst nie ein Fan von Tic Tac Toe, aber in meinem damaligen Kreis Mitmenschen waren ein paar eingefleischte dabei, die auch wie Sie bei einem Fest ein Lied von TTT Playback sangen und dazu eine tolle Choreografie ablieferten. Es war das Lied „Leck mich am A, B, Z“, das ich neben dem Erstling auch sehr gut finde. TTT haben einen Nerv getroffen und „Warum“ hat niemanden von uns kalt gelassen. Wir haben sie für ihre Direktheit in ihren Texten bewundert.
    Der PR-inszenierte Streit und der unvergessliche Sager mit dem „Jetzt kommen die Tränen auf Knopfdruck“ ist so unglücklich für die drei verlaufen. Sie hinterliessen nichts anderes als ein Bild vom Zickenkrieg, den sie eigentlich gar nicht anzetteln wollen. Sie sind dem männerdominierten Musikbusiness zum Opfer gefallen und ich hoffe, dass seit Ende der 1990er Jahren die Frauen sich nun nach und nach in diesem harten Geschäft behaupten können. Das Ziel ist nicht erreicht, aber ein ganzes Stück sind sie näher.

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