Meine 7-jährige Tochter liebt Hörspiele. Während sie sich darin vertieft, nimmt sie kaum etwas um sich herum wahr. Sogar eine Frage wie „Möchtest du ein paar Gummibärli?“ verläuft sich in Stille. Sie kann sich wunderbar in die Geschichten hineingeben, hört aufmerksam zu und gibt die Inhalte später wieder. Stellt Fragen und verlangt nach Antworten. So entwickelte sich schon manch angeregte Diskussion.
Oft hört sie Hörspiele während der Mittagspause. Nach dem Mittagessen machen wir jeweils eine ausgiebige Pause. Je nach meiner Tagesform habe ich da auch die Möglichkeit, mich zu ihr zu legen und ein wenig zu dösen. So erholen wir uns beide auf unsere jeweilige Art und verbringen dabei Zeit miteinander.
Klassiker wie „Globine“, „Globi“, „Kasperli“, „Pumuckl“, etc., hat sie schon alle durchgehört. „Bibi und Tina“ gefiel ihr besonders gut. Auf Spotify habe ich bis zur allerletzten Folge alles rausgeholt. Nun folgt ein weiterer Klassiker, der bereits seit 1980 erfolgreich ist: Bibi Blocksberg.
Für diejenigen, die sie nicht kennen:
Bibi ist eine sehr aufgeweckte, junge Hexe. Ihre Mutter Barbara ist ebenfalls eine Hexe, ihr Vater Bernhard arbeitet bei einer Versicherungsgesellschaft und beherrscht das Hexenwerk als Einziger der Familie nicht, denn nur Frauen haben die magischen Kräfte. Bibi erlebt mit Freunden und Familie lustige Abenteuer und setzt sich dabei fleissig für Gerechtigkeit ein.
So weit, so cool. Hört sich doch ziemlich emanzipiert an, oder?
Kürzlich machten wir also wieder eine unserer heissgeliebten Mittagspausen und Ayana hörte sich die Folge 20 (Papa ist weg) an. Ich dämmerte gerade friedlich in den Schlaf, als ich den Vater von Bibi, Bernhard Blocksberg, sagen höre:
„Wie konnte ich nur auf die Idee kommen eine Hexe zu heiraten?“
Darauf antwortet Barbara: „Willst du damit sagen, dass du mich nicht mehr liebst?„
„Hör auf mit dem Unsinn! Dich liebe ich, aber ich hasse es, wenn du diesen Frass zubereitest. Da kommt man todmüde von der Arbeit nach Hause und…!“
Boom! Ich schreckte aus meinem Fast-Schlaf hoch und war hellwach. Da musste ich mithören.
Also, Popcorn raus:
Es ging darum, dass sich Bernhard über das zubereitete Essen seiner Frau Barbara beschwert. Das ewige Hexenessen sei nicht mehr zu ertragen, meckert er. Anstatt mit Barbara darüber zu sprechen, verkrümelt er sich zur Nachbarin der Blocksbergs, Frau Kohl, um dort etwas „Anständiges“ zu essen. Kurz darauf packt er den Koffer (welcher sich später als Barbaras Koffer herausstellte…) und reist mit derselben Nachbarin, die sehr offensichtlich mit ihm flirtet, in den Urlaub nach Mallorca. Ohne seine Frau und Tochter zu benachrichtigen. Ade merci. Der besorgte restliche Teil der Familie nutzt eine Hexenkugel, um herauszufinden, wo er sich aufhält. Als sie sehen, dass er mit Frau Kohl auf Mallorca ist, fliegen sie ihm sofort mit ihren Hexenbesen hinterher. Dort verhexen sie sich selbst in zwei kleine Fliegen und belauschen Bernhard und Frau Kohl in ihrem Zimmer. Auf der Fensterbank lauschen sie einem Streitgespräch der beiden, in dem er sagt, sie hätte ihn beschwatzt, einfach so von zu Hause wegzugehen, ohne seine Familie zu benachrichtigen. Er sei nun endlich zur Vernunft gekommen und werde sofort nach Hause gehen. Zum Schluss liegt sich die Familie in den Armen. Es sehe doch ganz nach Versöhnung aus, sagt der Erzähler. Wie könnte das denn bei den Blocksbergs auch anders sein?!
Ach du liebes Bisschen. Echt jetzt?
Ich schwieg bis zum bitteren Ende. Als die Geschichte zu Ende war, fragte ich bei Ayana nach, wie ihr die Geschichte gefallen hat. Da meinte sie, es sei gemein von ihm einfach wegzugehen, ohne Bescheid zu sagen und Bibi und Barbara müssen sich dermassen sorgen.
Bingo! Und all das während ihn eine andere Frau UMsorgt. Meine Hypothese mit dem BEsorgen habe ich natürlich für mich behalten. Hihi.
Anyway, das Ganze liess mich nicht mehr los. Ich recherchierte also daraufhin in die dunklen Abgründe der Blocksbergs.
Die Autorin Elfie Donnelly ist nicht als Feministin bekannt, hat aber grundsätzlich mit Bibi Blocksberg gewollt eine emanzipierte Figur auf den Markt gebracht. Sie erschuf mehrere starke Frauenfiguren in ihren Geschichten, die nicht konkurrieren, sondern zusammenarbeiten. Das kommt leider in klassischen Geschichten selten vor. Grundsätzlich thematisiert sie patriarchale Rollenbilder, wie Bernhard Blocksberg, der ohne seine Frauen nicht viel auf die Reihe kriegt. Sprüche wie in genannter Folge 20 könnten also durchaus auch provokant daherkommen, um eben genau diese extremen Rollenbilder sichtbar zu machen.
Die Geschichten von Bibi Blocksberg werden durch einen Sprecher begleitet. Für mich beleuchtet dieser die Hintergründe zu wenig und ich fürchte die Kinder können diese Dynamik als Norm auffassen. Eine Geschichte kann also starke, emanzipierte Frauenfiguren zeigen und genau zur selben Zeit problematische patriarchale Vorstellungen hervorbringen.
Es wird zwar klar gemacht, dass Bernhards Verhalten gemein ist. Er haut einfach ab, lässt seine Frau und seine Tochter im Ungewissen und in grossen Sorgen zurück. Okay. Böser Papi.
Aber warum genau ist sein Verhalten denn nun problematisch?
Barbara ist eine starke Frau. Sie ist eine Hexe, unabhängig und stark. Sie braucht Bernhard nicht. Und trotzdem scheint es irgendwie ihre Aufgabe zu sein, dafür zu sorgen, dass es ihm gut geht:
Das Essen passt ihm nicht? Barbara soll es richten. Bernhard fühlt sich von ihrer Hexerei genervt? Barbara soll dafür sorgen, dass die Stimmung angenehm bleibt und unterlässt auch in anderen Folgen das Hexen, obschon ihr das viel Arbeit und Mental Load erleichtern würde. Bernhard ist unzufrieden? Barbara trägt offensichtlich die Konsequenzen.
Aber warum ist die starke, unabhängige Frau in so vielen Geschichten gleichzeitig auch noch dafür verantwortlich, einem Mann alles recht zu machen? Sie kann gern selbstständig, erfolgreich und kompetent sein und ihr eigenes Ding machen. Aber bitte nur so lange, wie sie dabei auch noch die emotionale Arbeit für den Mann übernimmt.
Und je mehr Folgen ich mithöre, desto mehr fällt mir auf, dass diese Dynamik nicht nur in dieser einen Geschichte vorkommt. Immer wieder scheint Bernhard derjenige zu sein, dessen Bedürfnisse, Launen und Unzufriedenheiten besonders viel Raum einnehmen. Zudem scheint er gerne die Verantwortung für seine Taten abzugeben und anderen Schuld zuzuschieben. Und immer wieder sind es Barbara und Bibi, die sich damit herumschlagen müssen, Lösungen abliefern und natürlich vergeben sollen.
Natürlich ist nicht jede Situation automatisch ein unemanzipierter Skandal. Natürlich darf man das Essen des Partners nicht mögen. Natürlich darf man sich in einer Beziehung mal ärgern. Leider aber ergibt sich daraus irgendwann ein unverkennbares Muster. Ein Muster, das mir sehr vertraut vorkommt und das wir in unserer patriarchal geprägten Gesellschaft immer wieder beobachten können.
Zwischen „Das Essen schmeckt mir heute nicht“ und „Wie konnte ich nur auf die Idee kommen eine Hexe zu heiraten?“ liegt ein ziemlich grosser Unterschied. Das zweite Statement macht die Identität der eigenen Partnerin zum Hauptproblem. Und vielleicht wäre genau das eine wichtige Botschaft für die kleinen Zuhörer*innen: Die Frau darf stark und unabhängig sein, ohne dafür verantwortlich zu sein, dass der Mann sich wohlfühlt. Sie muss ihre Stärke nicht kleiner machen. Und sie muss schon gar nicht die emotionale Arbeit für einen erwachsenen Mann übernehmen. Ich meine, kommt schon! Sind wir damit nicht langsam durch?
Inzwischen hören wir bei den Bibi Blocksberg Geschichten achtsamer hin. Und jede angeregte Diskussion darüber ist mehr als willkommen.
Und nein, Bärni. Früher war nicht automatisch alles besser, als wir nicht darüber gesprochen haben. Glücklicherweise leben wir inzwischen in einer Zeit, in der auch wir Frauen meckern dürfen.
