Ich musste 35 Jahre alt werden um zu verstehen, dass um Hilfe bitten keine Schwäche bedeutet. Jahre in denen ich das Gefühl hatte, ich muss alles selber bewerkstelligen können. Ein Glaubenssatz, der mir in die Wiege gelegt wurde und den ich nun mühsam abzulegen versuche.
Seit ich berufstätige alleinerziehende Mutter bin knallt dieser Glaubenssatz besonders rein. Denn es ist kaum möglich, alles alleine zu schaffen. Das Dorf, das es zum Grossziehen von Kindern braucht, ist in unserer heutigen Gesellschaft mittlerweile ein winziger Raum mit Wasser gefüllt, in dem wir versuchen nicht zu ertrinken. Das hört sich dramatisch an, fühlt sich aber tatsächlich gern mal so an.
Nach 5 Jahren des „Alleinbewältigen im People-Pleasing Modus“ kam das Burnout. Mein Nervensystem lag gefühlt brach. Der kleinste Reiz im Alltag machte mich fertig und ich hatte das Gefühl in diesem winzigen Raum zu ertrinken. Interessanterweise vermochte das ausser mich selbst niemanden gross zu erstaunen.
„Ja, ist doch klar, dass das alles zu viel ist. Nun musst du halt einfach anfangen Hilfe anzunehmen.“
Okay, Hansruedi. Nicht ganz so einfach den besagten Glaubenssatz einfach so über Bord zu werfen und eine andere Version meiner selbst schnell mal ganz nebenbei hervorzurufen. Selbstoptimierung wird oft dargestellt als wäre es ein Schaufensterbummel in der nächst gelegenen Stadt.
Anyway, Hansruedi. Ich machte mich auf den Weg, entlang dieser endlos aneinandergereihten Schaufenster. Schon nur der Weg dahin war nicht um die Ecke. Es war verdammt beschwerlich überhaupt dorthin zu finden.
Jedes Fenster präsentiert Tipps, Ratschläge, Hinweise und Antworten auf meine plötzlich auftretenden Fragen. Manche waren laut und bunt. Andere leise und unscheinbar.
Eines der Fenster war so einladend, dass ich mich wagte durch die Tür zu gehen. Ich lud meinen Exmann ein mitzukommen. Denn ich wollte diese Türe nicht immer alleine öffnen. Um etwas aus den Metaphern zu kommen: Ich lud ihn ein uns Hilfe zu holen um gemeinsam unsere Kommunikation als Eltern zum Wohle unserer Tochter zu verbessern und stabilisieren. Der Start war sehr gelungen, bis wir an eine andere Stelle verwiesen wurden.
Dort ging ich alleine hin. Als ich die Tür zu dieser öffentlichen und staatlich finanzierten Anlaufstelle öffnete, war mir schon mulmig zumute. Die alte Version meldete sich heimtückisch: „Ach komm, alles nicht so schlimm. Das brauchst du doch nicht. Das geht auch ohne Hilfe.“ Mühselig zwang ich mich an dieser Stimme vorbei zum Empfang. Die Person dort wirkte schon genervt, als sie mich erblickte. Es kostete mich zu diesem Zeitpunkt bereits unglaublich viel Kraft, mich dieser Atmosphäre zu stellen. Ich stellte mich kurz vor und fragte, ob ich mich und meinen Ex-Mann für eine Familienbegleitung anmelden könnte, da wir nach jahrelanger Ambivalenz zwischen uns entschieden haben Hilfe bei der Kommunikation zu suchen. Ich konnte kaum aussprechen kam: „Ja also, geht es um eine Meldung wegen Kindeswohlgefährdung?“. Hmm nein. „Dann brauchen Sie eine Beistandschaft für Ihr Kind?“ Hmm nein, auch nicht.
Ich fühlte mich komplett fehl am Platz. Am letzten Strohhalm festhaltend, versuchte ich zu erklären, dass mich eine andere öffentliche Anlaufstelle hierhin verwiesen hatte um für soeben Erfragtes anzumelden.
*Augenrollen und ein tiefer Seufzer*. Okay, adiö neue Version meiner selbst. Hallo Scham und Unsicherheit.
Ab da konnte ich keinen Satz mehr ausreden, ohne dass ich unterbrochen wurde. Belehrungen wie:
„Alle geschiedenen Eltern haben Kommunikationsprobleme„
„Wir können nicht zaubern.”
„Da Sie offensichtlich noch mit ihrem Exmann sprechen, sollten Sie das ja selber lösen können.“
folgten und trieben mich frischfröhlich in ein komplett übles Unwohlsein. Päm! Rausgeschoben und Türe vor der Nase zugeschlagen. Mein Versuch, einfach weiterzureden in der Hoffnung, dass sie ihre eigenen Unterbrechungen wahrnimmt, scheiterte kläglich. Es klang nun an diesem Empfang wie das Vogelgezwitscher aus dem Wald neben unserem Zuhause morgens um 5:00 Uhr.
Gefühlt etwas widerwillig nahm die Person schlussendlich meine Kontaktdaten auf und sagte, sie leite meine Anfrage weiter. Sie wisse das ja eigentlich nicht. Achso! Aber danke trotzdem für die völlig unnötigen und an den Haaren herbeigezogenen Belehrungen.
Ich verliess diesen Raum mit viel Wut im Bauch. Wut auf die Person, die mir gerade dermassen unprofessionell entgegengetreten ist, sodass noch mehr Wasser in diesen winzigen Raum fliesst. Wut auf ein System, das lieber zuwartet, statt proaktiv zu sein. Und mit nicht wenig Wut auf mich selbst, dass ich mich im Affekt nicht besser zu wehren weiss.
In meinem Beruf bin auch ich konfrontiert mit Menschen in Notsituationen. Genau wie diese Person, die mich dort empfangen hat. Es ist also für mich durchaus nachvollziehbar, dass dieser Berufsalltag ganz schön herausfordernd sein kann. Doch wenn ich mich in die Haut dieser Menschen versetze, die gezwungenermassen dort auftauchen müssen und so empfangen werden, wird mir ganz anders zu Mute. Statt Menschen zu motivieren, die freiwillig an sich arbeiten möchten und dafür um Hilfe dafür bitten, wird man entmutigt und beinahe gedemütigt. Ein simples „Wie schön für Ihre Tochter, dass Sie so an sich arbeiten wollen. Gerne kläre ich intern die Möglichkeiten und melde mich bei Ihnen.“ hätte es vollends getan.
Ich schreibe diese Zeile nicht, um bemitleidet zu werden oder Applaus zu ernten. Ich schreibe sie, weil ich weiss, dass es vielen alleinerziehenden Eltern so ergeht. Ich schreibe sie, weil ich nicht verstehe, warum ein System lieber Grossbrände löscht, statt dafür zu sorgen, dass die Feuer gar nicht erst ausbrechen. Grossbrände fressen so viele Ressourcen. Von denen wir immer behaupten, sie nicht zu haben. Präventive Massnahmen, die eine nächste Eskalationsstufe verhindern könnten, sind langfristig nachhaltiger und günstiger als Anwält*innen und Beistände. Punkt.
Dieser Vorfall ist nun schon einige Zeit her und es herrscht Funkstille. Ich werde also erneut Kontakt aufnehmen und meine Energie und Mut sammeln müssen, mich dem erneut zu stellen. Denn mein Schweigen kriegen sie nicht mehr. Das eingegossen Wasser giesse ich respektvoll zurück, damit ich wieder atmen kann.
Gäll Hansuedi. Schliesslich bezahle auch ich Steuern.
