Ein offener Brief an das Patriarchat – Wir sehen dich

Guten Tag Patriarchat 

Zum heutigen internationalen Frauentag schreibe ich dir einen offenen, längst überfälligen Brief. Ich nehme an, es stört dich doch sehr, dass andere Menschen mitlesen. Das finde ich gut. 

Vornweg: I bi hässig!

Du warst für mich nie wirklich spürbar. Ich war eine junge, freie Frau mit minimalen Sorgen. Ich fühlte mich wohl unter deinen Männern, und manchmal wollte ich sein wie sie. Als eine der letzten in der Bar um 4 Uhr morgens trank ich sie unter den Tisch. Beim “Töggelen” mit der Zigarette im Mund fluchte ich lauter als sie. Um 5 Uhr morgens beim Einsteigen in eines ihrer Autos, welches mich sicher nach Hause fahren sollte, zeigte ich keine Furcht. Der Spruch aus dem stinkenden Munde eines betrunkenen Mannes “Du bist so anders als andere Frauen!” machte mich glücklich, ich fühlte mich gesehen und stark. 

Männer kamen und gingen, sie haben ihre Spuren hinterlassen. Schlechte, unangenehme, manchmal auch gute. Ersteres ignorierte ich und bemühte mich, weiterhin “die andere Frau” zu sein und das Gute zu sehen. Du hast mich gelehrt, Männern zu gefallen und ihre Bedürfnisse zu erfüllen. In meiner weiblichen Kraft war ich nicht. Ich war eine vermännlichte, angepasste Version, nicht aber meiner selbst. 

Das gefiel dir, nicht wahr? 

Frauenfreundschaften fand ich bis auf wenige Ausnahmen schwierig. “Alles Zicken”, das hast du mir immer wieder eingeredet. Ich fing an, sie zu meiden und verurteilte mein eigenes Geschlecht als “zickig, zu emotional und anstrengend”. Unter keinen Umständen wollte ich so eine Frau sein und das versuchte ich dir immer wieder zu beweisen. Solidarität hast du mir ausgeredet. Konkurrenz eingeredet. Du hast mich dazu gebracht, über Witze zu lachen, die mich eigentlich selbst klein machen. 

Auch das gefiel dir, nicht wahr? 

Trotz der zunehmenden Ablehnung gegenüber vielen Frauen war ich dennoch, wie du es gerne nennst, sehr weiblich: Glatt wie ein Baby rasiert, parfümiert und geschminkt. Gekleidet wie aus dem Modemagazin. Frisiert wie ein Star. Bei jedem Trend war ich dabei und liess es mich eine Stange Geld kosten. 

Ich nehme an, auch das gefiel dir. 

Als ich Mutter einer Tochter und Ehefrau wurde, hast du mir beigebracht, meine eigenen Grenzen zu missachten. Du hast mir beigebracht, dass ich allem gleichzeitig gerecht werden muss, meine Bedürfnisse aber leider keinen Platz mehr haben. Tja, sagtest du, das ist halt so. Du wolltest eine Familie. 

Heute bin ich eine alleinerziehende Mutter und eine geschiedene Frau. Und jetzt gibst du’s mir aber so richtig und zeigst dein Gesicht, welches du über all die Zeit geschafft hast zu verbergen. Du und deine Anhänger übersehen die Verletzungen all dieser hinterlassenen Spuren. In meiner Überforderung und Überreizung werde ich beiseite geschoben. Mir wird eingeredet, dass ich resilienter und stärker werden sollte. Wie wär’s mit Therapie? Mir wird eingeredet, dass ich besser organisiert sein müsste. Wie wäre es mit einem Coaching? 

Der Bruchpunkt kam irgendwo zwischen verstopftem Abfluss, Schlafmangel und dauernder Rechtfertigung meiner Überforderung. Du hast mich dazu erzogen, stets nur mich selbst zu geisseln und nie dich zu hinterfragen. Doch nun sehe ich, dass die Rechnung einfach nicht aufzugehen vermag. Und heute hinterfrage ich viele deiner Strukturen. 

Niemand bereitet Frauen darauf vor. Niemand macht Frauen auf die Schwierigkeiten eines Lebens als Frau und Mutter in deinen Gesellschaftsstrukturen aufmerksam. Keine Schule, kein Kurs, und keine Behörde. Du verschweigst bewusst, was es kostet eine Frau zu sein. Du lebst davon, dass wir den Preis alleine zahlen müssen. 

Patriarchat, viele von uns sehen dich mittlerweile. Wir sehen deine schmutzigen kleinen Geheimnisse und grossen Lügen. Wir reden darüber. Du wirst gesehen. Deine Macht über uns bröckelt. 

Ich werde meiner Tochter nicht beibringen, sich kleiner zu machen, damit sie dir und deinen Männern gefällt. Ich werde ihr nicht sagen, dass Anpassung automatisch nur Sicherheit bedeutet. Sie lernt von mir, dass Frauen keine Konkurrenz sind. Dass Wut keine Untugend ist. Sie wird sie weiterbringen. Und dass Grenzen nicht mehr verhandelbar und wichtiger sind denn je. 

Mich hast du tief geprägt. Heute aber definierst du mich nicht mehr. 

Und ja, hässig sein befreit!

Liebe Grüsse

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