Kolumne Bödeli/Brienz Info
Ausgabe März 2026
“Es muss doch nicht immer perfekt sein.“
„Lass es einfach mal liegen.”
„Entspann dich einfach mal.”
Ausser montags vielleicht – die neue Woche soll glatt starten. Entspannt, aber pünktlich und tiptop vorbereitet aus dem Haus. Und bitte ohne Wutanfall.
Und dienstags – weil nachmittags Schule. Vorkochen. Aber bitte gesund.
Und mittwochs – weil Fussballtraining. Jemand hat Geburtstag. Kuchen backen. Glutenfrei. Laktosefrei.
Und donnerstags – weil nachmittags Schule. Dieselbe Leier.
Und freitags – weil Zahnarzttermin und neue Kleider besorgen, da das Kind plötzlich aus allen Nähten platzt. Aber bitte nachhaltig. “Made in China” geht nicht mehr.
Und samstags – weil Besuch zum Brunch. Wohnung putzen. Etwas Grandioses kochen. Lächeln.
Und sonntags – da müssen wir doch auch mal runterfahren! Basteln. Spiele spielen. Malen. Also lesen wir nochmals den Ratgeber “bedürfnisorientiertes Erziehen”.
Der Terminkalender ist bis Ende des Jahres bunt gefüllt mit Schule, Tagesschule, Ferien, Babysitterin, Geburtstagen, Besuchen, Arztterminen, Coiffeur-Terminen, Pfadilagern, Fussballtrainings, Bibliothekausleihfristen und irgendwelchen Deadlines von irgendwelchen Projekten irgendwelcher Vereine, denen frau auch noch beigetreten ist. You name it.
Dazu die bezahlte, aber fordernde Erwerbstätigkeit in einer leistungsorientierten Firma und ein endlos erscheinender und unentgeltlich geführter Haushalt mit überwuchernden Wäschekörben, Fenstern verziert mit fettigen Handabdrücken und einem verstopften Abfluss, den frau “mal so ganz nebenbei” erledigt.
Wenn beim Besuch am Samstag Tante Therese lächelnd um die Ecke kommt und sagt “Wow, wie du das alles hinkriegst. Super machst du das!”, sollte frau der Kragen platzen. Ja, Tante Therese. Weil ich MUSS und es sonst keiner macht. Nicht, weil es mir Freude bereitet, mein Nervensystem täglich so zu strapazieren, dass mich abends sogar das Piepen der Spülmaschine fertig macht.

Vielleicht bemerkt Tante Therese den Missmut. Dann kommen die gut gemeinten Sätze nur so heraus gepurzelt, wie “Oh Liebes, du wirkst gestresst“. Oder „Entspann dich doch einfach etwas mehr.”
Nein, wir müssen uns nicht “einfach mehr entspannen”. Die gesellschaftlichen Erwartungen müssen runter. Die Verantwortungen müssen gerechter verteilt werden. Die Erkenntnis und Akzeptanz, dass es sich hierbei um ein strukturelles Problem handelt, muss endlich Raum erhalten. Frau kann es zwar alleine stemmen. Das hat sie über Jahrtausende bewiesen. Doch zu welchem Preis? Und warum eigentlich überhaupt? Warum sollten wir perfekte Superheldinnen sein, dafür aber kaum Anerkennung oder Wertschätzung erhalten, geschweige denn eine angemessene Altersvorsorge, liebe Tante Therese? Achtung, und jetzt kommt’s ganz dick: Das grösste Problem liegt nicht in der körperlichen Arbeit. Es liegt in der niemals endenden Denkarbeit. Dem permanenten Abwägen, Entscheiden, Vorausplanen und Organisieren. Es liegt an den zahlreichen to-do Listen im Kopf und um die Gedanken um alle und alles, die nie aufhören. Es geht um den sogenannten Mental Load, der unsichtbare Teil der Care Arbeit. Und nein, Mental Load ist kein Modewort, liebe Tante Therese. Es ist Realität, die frau erlebt. Nervenzehrend und über Jahrtausende antrainiert. Kaum gesehen, geschweige denn gesellschaftlich akzeptiert, was es eigentlich ist. Nämlich Arbeit!
Frau braucht keine Komplimente und auch keine gut gemeinten Tipps, wie frau mit der Überforderung umzugehen hat. Sie muss nicht noch resilienter werden, oder entspannter oder besser organisiert sein. Stattdessen sollten wir alle uns fragen, warum wir diese ausbrennende Überforderung für normal halten. Und warum uns das erschöpfende strukturelle Problem der ungesehenen Care Arbeit immer noch als individuelles Organisationsproblem verkauft wird.
Mutti, du musst fast nicht perfekt sein – das “fast” ist kein Versehen. Es ist das, was frau nachts wach hält, auch wenn das Kind friedlich, ohne verstopfte Nase, neben ihr schläft.
