Kolumne Bödeli/Brienz Info
Ausgabe Oktober 2025
Wenn ich die Nachrichten lese, schleicht er sich an. Er klopft nicht. Er kommt ungebeten herein, ohne Vorankündigung. Er legt sich wie ein Schleier über mich, sagt nichts und engt mich ein. Meine Sicht ist getrübt, ich werde müde. Müde von den überfüllten Flüchtlingsbooten, hungernden Kindern und einem zerbombten Gaza. Ich trauere mit diesen Menschen um ihre zerplatzten Träume und zerstörten Seelen. Ich trauere um eine Welt, die nicht so sein sollte, wie sie gerade ist.
Schon vor Jahrhunderten haben Dichter darüber zitiert, fast schon in einem romantisch-melancholischen Leiden. Heute aber erscheint dieser Weltschmerz düsterer, erbarmungsloser und durch die sozialen Medien überall und jederzeit empfänglich. Er wird zum Alltagsbegleiter, überrollt uns unvorhergesehen und drückt uns harsch zu Boden.
Er muss nichts zu alledem sagen, was derzeit auf der Welt geschieht. Die Ungerechtigkeiten, die Unterdrückung, die Brutalität. All das spricht für sich selbst. Es spricht von einer Menschheit, die Werte und Menschlichkeit verliert. Auch spricht es von einer Menschheit, in der das Wegsehen bequemer scheint. In der lieber gesagt wird: „Also das geht mich ja nun wirklich nichts an!”. Von einer Menschheit, wo jeder sich selbst der/die nächste ist. Doch auch da bleibt beim gesunden Menschenverstand etwas vom Weltschmerz hängen. Wenn auch tief verborgen und kaum erkennbar.
Ich gehe so weit zu sagen, dass der Weltschmerz ein Privileg der westlichen Welt ist. Unsere Grundbedürfnisse sind gedeckt, wir haben kaum existenzielle Sorgen. Wir haben Sozialversicherungen und ein Gesundheitssystem, die uns tragen können, wenn es mal nicht mehr geht. Dieses Privileg hat die Mehrheit der Weltbevölkerung nicht. Wir haben viel Sicherheit und Stabilität, was uns Raum bietet, über unsere Nasenspitze hinauszudenken.
Ich denke, der Weltschmerz hat einen tieferen Sinn, als uns nur wehzutun. Ich denke, er ist da, um uns daran zu erinnern, dass wir Empathie und Mitgefühl verspüren. Dass wir Hoffnung auf eine bessere Welt in uns tragen. Vielleicht verwandelt er sich sogar in eine Kraft, die Bewegung schafft. Zu einer Haltungsänderung, einem Engagement in einer Gemeinde und vielleicht, irgendwann, zu einem Wandel. Statt die Rechtsrutsche zu beklagen, geht wählen. Statt über den Klimawandel zu sorgen, schaut beim eigenen Konsum hin. Statt sich über Täter zu entsetzen, sprecht mit Betroffenen und unterstützt sie. Der Weltschmerz kann der kleine und leise Beginn von etwas Lautem und Grossem sein, wenn wir bereit sind, unsere Haltung genauer zu hinterfragen und offen sind, diese anzupassen.
Der Weltschmerz darf uns zu einer kritischen Selbstreflexion herausfordern. Wie können wir in einer Welt, in der so viele Menschen mit fundamentalen Entbehrungen kämpfen, den Luxus des Mitgefühls sinnvoll einsetzen? Es verlangt eine aktive Auseinandersetzung mit den Systemen, die diese Ungerechtigkeit erschaffen und aufrechterhalten. Aktuell zeigt zum Beispiel die Aktivistin Greta Thunberg, wie sie diesen Weltschmerz in Engagement umwandelt. Unterwegs mit einer Hilfsflotte nach Gaza macht sie auf die dringend notwendige Solidarität aufmerksam. Es ist ein mutiger Schritt, der die komplexen Herausforderungen von Solidarität aufzeigt.

„Dieser leise Weltschmerz soll nicht zu einem lähmenden Gefühl der Hilflosigkeit und Resignation führen, sondern darf uns die Kraft geben, um in eine lautere Bewegung zu gelangen.“
Wir können uns bewusster machen, dass unser Weltschmerz auch der der anderen ist und viele Menschen hinter Aktivistinnen wie Greta Thunberg stehen. Dass die Lösungen, die wir suchen, nicht nur bei uns, sondern auch in einer kollektiven Verantwortung versteckt sind. Wir sind nicht nur Individuen, die mit einem Gefühl der Machtlosigkeit kämpfen, sondern Teil eines grösseren Ganzen, in dem jede Handlung und jedes kleine Zeichen des Mitgefühls als Schritt in Richtung Veränderung zählt.
Der Weltschmerz darf nicht die einzige Reaktion auf die Fragen über das momentane Weltgeschehen bleiben. Schlussendlich ist der Wert des Weltschmerzes nicht, dass er uns beengt, sondern dass er uns befreit: Befreit, um zu handeln und weiter zu hoffen.
