Kolumne Bödeli/Brienz Info
Ausgabe März 2025
„Glück ist kein Geschenk der Götter, sondern die Frucht innerer Einstellung.“
Wieder hat ein neues Jahr begonnen. Wieder haben wir das alte Jahr verabschiedet und erhoffen uns ein besseres und allem voran glücklicheres Jahr als zuvor. Um diese Hoffnung zu festigen, lesen wir Selbsthilferatgeber von irgendwelchen Lifestyle-Coaches, die uns versprechen, dass wir das ewig anhaltende Glück erlangen können. Es ist zum Greifen nah, sagen sie. Wir müssen fest daran glauben, sagen sie. Und dann noch eine Liste mit 25 Tipps, die mit sofortiger Wirkung helfen, glücklicher zu werden. Super!
Doch was bedeutet Glück? Duden sagt, zum einen bedeutet Glück “etwas, was Ergebnis des Zusammentreffens besonders günstiger Umstände ist.” Zum anderen ist Glück eine “angenehme und freudige Gemütsverfassung, in der man sich befindet, wenn man in den Besitz oder Genuss von etwas kommt, was man sich gewünscht hat.” Ich schreibe heute über zweiteres und über die Vorstellung unserer Gesellschaft, dass genau diese Gemütsverfassung ständig präsent sein muss. Das ewig anhaltende Glück. Denn es ist das Lebensziel von vielen von uns.

Dieser Drang nach dem perfekten Glück wird uns täglich durch die sozialen Medien eingetrichtert: Sabine, 31 Jahre alt, lacht unaufhaltsam, direkt nach der Entbindung top geschminkt und frisiert in die Kamera. Kurt, der heute seinen 60. Geburtstag feiert, lächelt festgebunden an einem Bungee Jumping Seil in die Handykamera seiner Ehefrau. Annemarie, 26 Jahre alt, lässt es sich trotz stundenlanger Schmerzen in den unbequemen Hochzeitsschuhen nicht nehmen, strahlend in die teure Kamera des noch teureren Fotografen zu blinzeln. Geburten, Geburtstage, Hochzeiten, Feiertage wie Weihnachten und Silvester. Es gibt so einige Anlässe wo wir “das Glück” endlich der ganzen Welt präsentieren können. Ich habe noch nie ein Weihnachtsfoto gesehen, worauf ein 3-jährige Daniel schreiend vor dem kitschig geschmückten Plastikbaum tobt, eine betrunkene Tante Margret einem nüchternen Onkel Fritz ein Glas Wein über den Schoss kippt und eine Mama Therese nahe am Nervenzusammenbruch weinend in der Küche sitzt. Dieses Szenario wäre authentischer festgehalten als die eigentlich angespannte Stimmung auf dem perfekten Foto für den perfekten Instagram Post.
Wir neigen immer mehr dazu, Trauer, Wut, Enttäuschung und andere negative Emotionen zu unterdrücken und zu verdrängen. Schliesslich passen diese Gefühle nicht in unsere Vorstellung von Glück. Damit vermeiden wir die Realität und entfremden uns förmlich von ihr. Die hohe Erwartung an uns selbst ist es, ständig glücklich zu sein. Doch wie können wir überhaupt Glück erfahren, wenn wir im Leben keine unglücklichen Momente wahrnehmen?
Sabine dürfte ruhig sagen, dass ihr während der hormonellen Höllenfahrt nicht zum Lachen zumute ist. Kurt könnte seiner Frau endlich sagen, dass er ihre Geburtstagsüberraschungen total furchtbar findet. Und Annemarie könnte die schmerzenden Hochzeitsschuhe in hohem Bogen durch den Saal schleudern und lauthals kund geben, dass dieser Tag nicht so läuft, wie sie es brauchen würde. Alle drei könnten mit mehr Ehrlichkeit und der Anerkennung ihrer schwierigen emotionalen Gefühlslage womöglich den Weg für das Glück bereit legen. Denn es geht wieder bergauf.
Ich wünsche mir mehr Wertschätzung für alle Gefühle. Ich möchte mein Unwohlsein kundgeben, Wut leben und dramatisch traurig sein. Ich möchte an diesen Tagen sagen: „Ja, so ist das heute und vielleicht morgen auch noch!” und mich selbst damit annehmen. Immer mit dem Bewusstsein, dass ich genau diese Emotionen brauche, um Glück zu spüren. Denn natürlich möchte ich, genau wie du auch, glücklich sein.
