Ein Reisebericht über den Weg zum Ziel, zusammen Sein und zusammen (über sich hinaus-) Wachsen
Die Zeit war reif. Reif für das Meer und seine unendliche Weite. Mit meiner Tochter Ayana und unserem Hund Oskar machte ich mich auf den Weg… und suchte das Weite zum Ziel.
Ayana und ich fingen bereits Monate zuvor an, die Europakarte zu studieren, wo wir wohl am Besten mit dem Auto das Meer erreichen könnten. Italien, Frankreich, Kroatien… Es stand einiges zur Auswahl. Rasch bemerkte ich, dass die Gratwanderung zwischen Mut und Naivität doch relativ schmal ist. Alleine mit Kind und Hund so eine lange Reise anzutreten? Der Mut verliess mich immer mal wieder und ich fragte mich regelmässig, was zum Henker ich da eigentlich tue. Diese Unsicherheit war zum Haare raufen und ich fand die Entscheidung einfach nur schwierig. Da meldete sich aber immer deutlicher noch eine andere Stimme. Die Stimme derjenigen, die auch gerne mal aus dem Rahmen fällt. Immer wieder meldete sie sich laut, neckisch und unüberhörbar:
„Sei kein Weichei!”
oder wie Ayana zu sagen pflegt:
“Weniger lafere, mehr lifere!”.
So simpel und pragmatisch liess ich das Denken bleiben und entschied mich ziemlich spontan für eine Reise nach Korsika. Mit Auto und Fähre, ganz nach dem Motto “Der Weg ist das Ziel”. Und so begann unsere erste Reise ans Meer am Mittwoch, 25.09.2024.
Ich möchte nicht sagen, dass dieser Weg zum Ziel “total easy” war. Das wäre “fadegrad” gelogen. Vorerst verlief alles reibungslos und wir hatten unseren ersten Zwischenstopp in Melide, Tessin. Die Laune war himmelhochjauchzend und wir gönnten uns ein leckeres Picknick am Luganersee.
Weiter ging es Richtung Milano. Alles wunderbar! Bei der ersten Tankstelle wurde mir unaufgefordert getankt und sogar die Frontscheibe geputzt. Wenn das nicht ein gutes Zeichen ist. Weiter Richtung Parma. Alles superduper. Und just in diesem Moment, als ich dachte, wie unnötig all meine Bedenken waren, wurden wir von der Autobahn gewiesen, in ein kleines unscheinbares Dorf. Wir wurden auf die Passstrasse SS62 gelenkt. Vorerst war das ja irgendwie noch idyllisch und abenteuerlich. Doch plötzlich stockte der Verkehr, denn alleine waren wir bei weitem nicht: Unser kleiner Honda Jazz war kurzum zwischen viel zu schwer beladenen Lastwagen und anderen verwirrten Seelen in PKWs eingeklemmt. Teilweise standen wir 20 Minuten in einer Kurve, weil Lastwagen versuchten, aneinander vorbei zu manövrieren. Langsam setzte die Dämmerung ein und ich hatte nur noch eines im Kopf: Wir müssen bis 23:00 Uhr am Hafen in Livorno sein, sonst lassen sie uns nicht mehr auf die Fähre für das Night Check-in. Ayana wurde irgendwann übel und wir mussten im Regen am Strassenrand anhalten und ihren Magen wieder richten, während dutzende Lastwagen an uns vorbei donnerten. So also sieht der Weg zum Ziel aus? So einen Schwachsinn kann auch nur ich mir ausdenken!
Um 22:59 Uhr (nein, das ist kein Witz) erreichten wir das Tor zu unserem Hafen in Livorno. Meine tapfere Ayana schlief mittlerweile tief und fest. Das Personal war sehr freundlich und für meinen Geschmack etwas zu entspannt. Ich bedankte mich für die Höflichkeiten und reihte mich bei den anderen Autos ein. Relativ rasch bemerkte ich die durchaus miese Stimmung von den anderen Gästen und steuerte auf den ersten, mir deutschsprachig erscheinenden Menschen zu, den ich antraf. Der nette ältere Mann offenbarte mir, dass die Fähre noch nicht mal eingetroffen sei, und das Personal keine Auskunft geben könne, von wie viel Verspätung eigentlich die Rede ist. Es gab keine Toiletten und keine Verpflegung vor Ort. Der nette ältere Mann stand bereits drei Stunden hier und wartete auf ein Zeichen des Personals. Vergeblich. Dank der Müdigkeit nach der 12-stündigen Fahrt überkam mich eine Art Gleichgültigkeit mit einer grossen Prise Genugtuung, dass wir es überhaupt irgendwie nach Livorno geschafft haben. So drehten Oskar und ich ein paar Runden im Hafen und ich ignorierte gekonnt die miese Laune der anderen Passagiere, während Ayana weiter tief und fest im Auto schlief.
Um Mitternacht kam die Fähre an und unsere Kabine konnten wir um 01:30 Uhr beziehen. Wir rollten nur noch unsere Schlafsäcke aus und fielen in einen tiefen Schlaf. Bis 05:30 Uhr, weil dann wohl jemand vergessen hat, dass die Passagiere nicht unbedingt wissen müssen, welcher Lastwagen wo einparken muss. Signore, deine wiederholten Lautsprecherdurchsagen in unverständlichem Italienisch seien dir verziehen, schliesslich fahren wir nach Korsika und wir haben gute Laune!

Wir blieben trotzdem noch etwas liegen, kuschelten und reflektierten bereits amüsiert die gestrige Reise. Irgendwann bemerkten wir, wie die Fähre losfuhr. Wir zogen uns an und trauten uns verschlafen an Deck. Die ersten Sonnenstrahlen schienen uns in unsere zusammengekniffenen Gesichter und der Geruch des Meeres stieg in unsere “meeresunerfahrenen” Schweizer Nasen. In nur kurzer Zeit verloren wir das Festland aus den Augen und da waren wir, irgendwo auf dem Mittelmeer, in stetiger Hoffnung, dass diese uralte, wackelige Fähre noch eine Überfahrt nach Korsika überstehen wird.
Land in Sicht! Nach einer fünfstündigen Überfahrt sahen wir die ersten Umrisse von Korsika. Ab da ging es schnell, wir sahen nach kurzer Zeit den Hafen von Bastia, wo wir schwerfällig anlegten. Unsere Unterkunft befand sich nur 30 Minuten vom Hafen entfernt. Nichts wie hin!

Unser Ferienhäuschen war einfach nur wunderschön. Eingebettet in ein verwildertes Naturschutzgebiet, nur zehn Gehminuten von einem einsamen, endlos langen Strand entfernt. Alle drei hatten wir nur noch den Drang loszuziehen. Keine Ahnung, wohin genau, aber wir mussten unbedingt los, als hätte uns das Meer zu sich gerufen. Mit nichts anderem als dem Badeanzug machten wir uns auf den Weg. Nach 30 Stunden reisen, liefen wir nun gemeinsam auf diesem Naturweg, irgendwo in Korsika, durch eine unbekannte Pflanzenwelt und fremde Geräusche. Plötzlich hielt Ayana inne, drehte sich um und fragte mich: „Hörst du das?”

Oh ja, und wie ich es hörte. Das Rauschen des Meeres. Sie beschleunigte, und Oskar war auch kaum mehr zu bremsen. Bei einer kleinen Steigung machte sie kehrt und schrie voller Begeisterung “Mama, zMeer!”. Sie strahlte über das ganze Gesicht und rannte los Richtung Wasser. Oskar konnte ich nicht mehr halten. Er rannte ihr hinterher, direkt ins Wasser. Und da kamen mir die Tränen. Nicht, weil unser Hund nicht mehr aufhören wollte, Meerwasser zu trinken, nein! Sondern weil ich realisierte, was wir geschafft haben und dass ich mich nicht von der Tatsache, dass ich alleinerziehend bin, abhalten lasse, so eine Reise anzutreten. Ich platzte förmlich vor Stolz auf uns drei. Dieser Moment war einzigartig, und da realisierte ich, wie wichtig diese Reise für uns war. Dieser Moment bewegt mich bis heute.

Immer wieder zog es uns während unserer Zeit in Korsika zum Meer. Sei es zum Baden oder Tauchen, oder einfach nur spazieren und die schönen Steine und Muscheln begutachten. Ein paar schöne Wanderungen durften natürlich auch nicht fehlen, das Meer aber immer in Sichtweite.

Einfach nur wir drei im wilden, rauen Korsika. Umgeben von Bergen und Meer. Mehr brauchten wir nicht.
Unser letzter Tag in Korsika brach an und wir packten unsere hundert Sachen. Auf der einen Seite freudig, auf der anderen auch etwas traurig, das Meer und seine Magie wieder verlassen zu müssen. Als ich gerade die Tasche mit gefühlten 500 kg Inhalt auf das Auto heben wollte, bekam ich eine besorgte Nachricht von meiner lieben Freundin Tina. Sie erkundigte sich, wie es uns denn jetzt gehe und ob alles in Ordnung sei. Ein bisschen zu besorgt, für das es nur um den Abschied von Korsika gehen könnte. Und dann brachte sie Licht ins Dunkle: In Korsika brach am Vorabend ein Grossstreik aus. Alle Flughäfen und Häfen sind zu, keiner verlässt Korsika und keiner kommt mehr rein. Dankbar für meine tolle Freundin, trug ich übertrieben ächzend die Tasche mit gefühlten 500 kg Inhalt wieder zurück und versuchte zu verstehen, was da gerade vor sich ging. Relativ schnell verstand ich, dass wir nicht auf ein Ende des Streiks warten sollten. Und grundsätzlich fand ich es sogar gut, dass die Korsen streikten. Sie haben gewiss gute Gründe. Der Zeitpunkt war für uns einfach etwas ungünstig.
Unser Gastgeber versicherte uns, dass wir das Haus sicher noch fünf Nächte weiter bewohnen dürfen, bevor die nächsten Gäste anreisen. Das war schon eine grosse Erleichterung. Wir schnappten uns Oskar und zogen los auf einen vertrauten Spaziergang an unseren Strand. Und dort realisierte ich plötzlich die Stille: Kein einziges Flugzeug am Himmel, kein einziges Schiff auf See. Keiner Menschenseele sind wir begegnet. Ich fühlte mich ausgeliefert und hilflos, dadurch irgendwie aber auch frei. Frei von Stress und „tun müssen“.
Der Streik dauerte nur 24 Stunden. Ich sage bewusst nur, da ich mich schon an den Gedanken gewöhnt hatte, auf Unbestimmt gestrandet zu sein. Auch diese damit verbundenen Gefühle genoss ich auf eine ungewohnte Art. von Die Fährgesellschaft reagierte schnell auf meine Anfrage für die Umbuchung. Unsere nächste Fähre ging drei Tage später.

Auf der Rückreise hatten wir Verspätung. Wegen der schlechten Wettervorhersage in Ligurien entschied ich, dass wir Abends noch Richtung Parma fahren, damit wir am Folgetag auch gleich weniger Stunden bis nach Hause fahren müssen. Etwa um Mitternacht kamen wir dort in unserer Unterkunft an und ich verbrachte keine erholsame Nacht. Die Wände waren wie aus Papier, mehrmals bin ich in der Nacht hochgeschreckt, weil ich dachte, jemand steht bei uns im Zimmer. Auch Oskar dachte das und meldete sich regelmässig. Ayana schlief wieder wie ein Stein. Beneidenswert dieses Kind!
Das Wetter am nächsten Tag spielte uns tatsächlich nicht in die Hand. Milano beherbergt einfach viel zu viele Menschen und es schüttete teilweise aus Eimern.
Nach etwa sieben Stunden erreichten wir unser geliebtes Zuhause und freuten uns, wieder hier zu sein.
Liebe Ayana, falls du das irgendwann einmal lesen solltest, widme ich dir diese Zeilen von Herzen. Du bist mit Abstand der entspannteste, flexibelste und abenteuerlustigste Mensch, den ich kennen darf. Du hast jede Herausforderung mit mir durchgestanden und hast deine positive Haltung in keiner Sekunde verloren. Ich habe auf dieser Reise viel von dir lernen dürfen.
Lieber Oskar, du wirst das niemals lesen, aber ich schreibe es trotzdem: Da du gerne mal ausbüxt, bleibt uns in Zukunft nichts anderes übrig, als mit dir ausschliesslich auf Inseln Ferien zu machen. Dort habe ich immerhin erhöhte Chancen, dich wiederzufinden.
Danke, bist du so ein unkomplizierter, mutiger und doch mehrheitlich treuer Weggefährte!
Unsere wundervolle Reise hat mit viel Fernweh gestartet. Fernweh nach Meer und Weite, zusammen Sein und zusammen Wachsen. Sie endete mit zahllosen Eindrücken, gemeinsamen Erinnerungen und Erkenntnissen.
Danke, liebes Leben, für solche Geschenke!
A prestu Corse!

