Kolumne Bödeli/Brienz Info
Ausgabe Oktober 2024
Welches Kind liebt sie schon nicht: Die Kinder-Überraschungseier, die in vielen Läden auf Augenhöhe der Kinder rumlungern und nur darauf warten, gekauft zu werden. Auch auf meine Tochter warten sie schelmisch und landen hie und da im Einkaufswagen. Dieses kleine Ei mit viel zu viel Plastik und viel zu wenig Schokolade haben wir also gerade erst kürzlich gekauft.
Sie hat sich auf der ganzen Heimfahrt Gedanken gemacht, was da wohl drin sein könnte. Vielleicht ein Paw Patrol? Oder ein Aufkleber? Ein Puzzle? Oder doch eine andere lustige Spielfigur? Was auch immer, es wird bestimmt “etwas ober mega tolles“ sein. Wieder Zuhause angekommen, hat sie sich an den Tisch gesetzt und angefangen, das Überraschungsei auszupacken.

Lauthals hat sie gerufen: „Wooow Mama, das ist ja ein Bagger”. Meine Tochter mag Fahrzeuge sehr gerne und zeigt da stets grosses Interesse. Nach dem Studieren der Anleitung hat sie es gekonnt zusammengebaut und mir gezeigt. Leider war es jedoch kein schnuckeliger Mini-Bagger, sondern ein nicht so schnuckeliger Mini-Kampfpanzer. Die Begeisterung ist sichtlich meinem Gesicht entflohen und sie wollte natürlich umgehend wissen, was denn los sei.
Ungern habe ich meinem 5-jährigen Kind nun erklärt, zu was so ein Kampfpanzer fähig ist. Sie wirkte etwas verwirrt und meinte dann vorerst vergnügt: “Den können wir beide doch beim Streiten gut gebrauchen!”. Ich lehnte den Vorschlag dankend ab.
Wir haben nun also über Krieg gesprochen. Über Panzer, Bomben und Gewehre. Wir haben über das Leid gesprochen, welches der Krieg auslöst. Und darüber, was Krieg für das Schicksal eines einzelnen Menschen bedeuten kann. Eigentlich hätte ich ja lieber über quirlige Baumzwerge, mystische Einhörner oder Pippi Langstrumpf’s tolle Frisur debattiert . Aber das haben dieser nicht so schnuckelige Mini-Kampfpanzer und meine durchaus neugierige Tochter gerade nicht mehr zugelassen.
“Mama, warum gibt es denn Krieg?”
Naja. Kriege gibt es schon seit es Menschen gibt. Warum verstehe ich auch nicht.
“Wollen denn alle Menschen gerne Krieg machen?”
Nein. Ganz im Gegenteil. Die wenigsten Menschen wollen das.
“Tut der Panzer diesen Menschen dann nicht weh?”
Doch. Da macht der Panzer leider keine Ausnahmen. Krieg zerstört das Leben vieler unschuldiger Menschen.
“Mama, wo gehen diese Menschen dann hin, wenn ihr Zuhause kaputt ist wegen dem Kampfpanzer?”
Sie müssen schlimmstenfalls alles zurücklassen und in ein anderes Land gehen.
“Aber Mama, dort kennen sie doch niemanden in der Schule!”
Ja, das stimmt. Womöglich müssen sie ein ganz neues Leben beginnen.
“Mama, ich finde Panzer doof”.
Ja. Das finde ich auch.
Meine Tochter hat durch meine Arbeit mit Asylsuchenden und Flüchtlingen bereits einige Menschen kennengelernt, die alles zurücklassen mussten und jetzt in der Schweiz ein neues Leben aufbauen. Sie kennt Kinder, die noch kaum Deutsch sprechen und versuchen, in unserem Schulsystem zu bestehen. Sie kennt die Eltern dieser Kinder, die trotz der schweren Bürde, die sie mit sich herumtragen müssen, ihr Bestes geben, wieder ganz unten anfangen und versuchen, ein eigenständiges Leben aufzubauen. Und in all diesen Herausforderungen kommen Politik und Behörden ins Spiel, welche mit vielen fast unüberwindbaren Hürden und verzwickten Gesetzen Steine in den Weg legen können. Die Bürde wird damit oft nicht leichter.
Den Mini-Kampfpanzer vor uns stehend, ist diese Unterhaltung mit ihr mehr in die Tiefe gegangen, als ich vorerst erwartet habe. Ihre Fragen waren so simpel und gezielt, dass sie für mich noch viel mehr Fragen aufwerfen. Und zu guter Letzt frage ich mich jetzt, wie der Mensch, der Kampfpanzer als Spielzeug entwirft, überhaupt auf so eine fragwürdige Idee kam. Ich wünschte, er hätte vorher eine Unterhaltung mit meiner Tochter geführt, sich das ganze nochmal durchdacht und sich dann doch für den quirligen Baumzwerg entschieden.
