Das Privileg der Bildung

Meine Tochter Ayana ist ein echter Bücherwurm. Manchmal sieht es fast so aus, als verschwinde sie zwischen den Buchseiten. 

Sie liebt Geschichten. Es ist bisher noch kein Tag ihres Lebens vergangen, ohne dass ich ihr mindestens ein Buch vorgelesen habe. Falls ich abends mal so richtig platt bin nach der Arbeit, fragt sie oft schon ganz besorgt, ob es denn trotzdem noch ein “Guetnachtgschichtli” gibt. Sonst kann sie ja schliesslich nicht einschlafen.. weil sie ja so fest weinen muss, wenn ich ihr nichts vorlese und das würde ich doch auch nicht wollen.

Okay, got you girl! 

Bei bisher jedem Buch sitzt oder liegt sie still da, schaut gebannt auf die Bilder und hört mir sehr aufmerksam zu. Zugegebenermassen bin ich hier und da dezent genervt, das gleiche Buch zum x-ten Mal in Folge vorzulesen. Wenn es mich mal sehr langweilt, dieselbe Geschichte zum 10. Mal in Folge runterzuleiern, versuche ich die Geschichte etwas auszubauen oder leicht abzuändern. Sehr schnell werde ich da aber korrigiert: „Mama, das stimmt so nicht, lies bitte nochmal RICHTIG!”.

Okay, Chef! 

Regelmässig gehen wir in die Bibliothek bei uns im Dorf, um neuen Lesestoff zu besorgen. Für sie ist das ein absolutes Highlight. Ziemlich schnell musste ich die Anzahl Bücher, die wir ausleihen, beschränken. Ansonsten bräuchte ich für jeden Gang in die Bibliothek einen Zügelwagen. Wenn diese junge Dame mal losgelassen wird, stürzt sie sich auf die Bücher wie eine Löwin auf eine hinkende Gazelle. 

Seit ein paar Monaten lernt sie Buchstaben und sucht diese in Büchern. Wenn sie einen Buchstaben nicht kennt, fragt sie, welcher das denn sei. Sie verbindet den Anfangsbuchstaben mit Namen von Menschen oder Tieren, die sie kennt. Auch Schreiben ist für sie immer mal wieder ein Thema. Die Weihnachtskarten hat sie selbst mit ihrem Namen unterschrieben. Und es ist sogar lesbar. Die Einkaufsliste allerdings kann ich bisher noch nicht entziffern. Sie übersetzt direkt im Supermarkt: “Also, das heisst Chips. Und da steht Schokolade. Und äähm, das “Chätschgummi”…”

Okay, got you girl! 

Ich wage zu behaupten, dass die endlosen Stunden Bücher vorlesen, und nochmal, und nochmal, und nochmal… nun langsam Wirkung zeigen. Sie entdeckt Bildung und insbesondere, was sie damit machen kann. Und zwar immer selbstständiger.

Bei meiner Arbeit mit Asylsuchenden und Flüchtlingen begegne ich auch Menschen, die wenig oder gar keine Schulbildung haben. Meine letzte beeindruckende Begegnung war eine Frau, knapp 40 Jahre alt, aus Afghanistan. Bereits beim ersten Gespräch erzählte sie mir mit gesenktem Blick, dass sie nicht viel von all dem hier versteht und dass sie nie eine Schule besuchen habe. Gearbeitet habe sie auch nie ausserhalb von ihrem Zuhause. Nachdem sie ihren Mann heiratete, habe sie sich um die mittlerweile sechs Kinder und den Haushalt gekümmert. Und sowieso, ihr Mann sei gebildet und könne besser mit mir sprechen. Ich versicherte ihr, dass ich keinerlei Erwartungen habe. Auch fügte ich an, dass ich mich sehr freue, dass sie heute hier ist und ich sie kennenlernen darf. 

Tatsächlich war es dann auch so, dass er im Gespräch für sie antworte. Meine innere Emanze war nur noch schwer zu bremsen. Ich bezog sie immer wieder in das Gespräch ein, richtete Fragen an sie und meine Blicke auf sie. Ihn bremste ich damit aus, was ihm sichtlich wenig Spass bereitete. Bei ihr konnte ich von Minute zu Minute erkennen, wie sie sich Stück für Stück mehr aufrichtete, mir in die Augen sah und Fragen mit mehr als nur einem Wort beantwortete.

In meinem Kopf schrie meine innere Emanze 

“Take that!!” 

und tanzte energisch den Ententanz auf dem Gesprächstisch. 

Etwa eine Woche später plante ich ein Gespräch, nur mit ihr, um über ihre Situation, Bedürfnisse und Zukunftsperspektiven zu sprechen. Als ich zu abgemachter Zeit ins Gesprächszimmer kam, sass ihr Ehemann da, schlürfte seinen Tee und hatte offensichtlich eine unterhaltsame Zeit mit dem Dolmetscher. Ich, offensichtlich grad die Spassbremse im Raum, fragte, wo denn seine Frau sei. 

“Im Zimmer, ich bin hier für das Gespräch”, sagt er, ganz unbeeindruckt von meinem Gesicht voller Fragezeichen. 

“RAAAAUUUUUUSSSSSSS und nimm deinen Tee mit. Und lass mir gefälligst den Dolmetscher da!” schrie die innere Emanze. In meinem Kopf. 

*Einatmen*, das geht noch besser. 

“Wie beim letzten Termin schon angemerkt, möchte ich heute mit Ihrer Frau eine Situationsanalyse machen. Mit Ihnen wurde das bereits durchgeführt und aus Erfahrung bevorzuge ich es, bei diesen Gesprächen den Ehepartner oder die Ehepartnerin nicht dabei zu haben.”

*Ausatmen*, na geht doch. 

Sein schnippischer Blick war nun wirklich nicht zu übersehen. Aus voller Lunge rief er nach seinem ältestens Sohn durch das halbe Haus, wohlbemerkt sitzend und teeschlürfend, und ordnete an, er solle seine Mutter holen. Wenige Minuten später kam sie und es fiel ihrem Ehemann sichtlich schwer, den Raum zu verlassen und die Kontrolle abzugeben. 

Nach diesem herausfordernden Tag für meine innere Emanze, hatte ich im Auto auf dem Nachhauseweg viel nachzudenken. Ich dachte plötzlich an Ayana, die, seit sie auf der Welt ist, das Privileg der Bildung erfährt. Ich dachte an die zahlreichen Bücher, die ich zum x-ten Mal vorgelesen habe und von denen sie bis heute nicht genug kriegt. Ich dachte an ihre ersten stolzen Versuche, Buchstaben zu lesen und ihren Namen zu schreiben. Plötzlich überkam mich ein sehr trauriges Gefühl bei dem Gedanken, wie vielen Mädchen und Frauen Bildung verwehrt wird. Wie Männer in Machtpositionen Frauen verbieten, in die Schule zu gehen. Und besonders beeindruckte mich die plötzliche Erkenntnis, wie viel diesen Mädchen und Frauen in ihrem Leben damit verwehrt wird. Sie zerfallen in die komplette Abhängigkeit und bleiben darin gefangen. Sie haben keine Kontrolle über ihr eigenes Leben. 

Das betrifft im Übrigen nicht nur Länder wie Afghanistan*. Auch wir im “oh noch so entwickelten” Westen leben konservative Familienbilder, wo Männer nach dem Eintritt ins Familienleben Karriere machen und die Frauen zu Hause bleiben und ihr ganzes Selbst der Familie widmen. Auch hier geben Frauen finanzielle und emotionale Kontrolle ab und machen sich abhängig. 

*side note: Damit möchte ich keine Stereotypen kreieren und keine Personen für ihr Handeln kritisieren. Auch den teeschlürfenden, schwer Kontrolle abgebenden Ehemann nicht. Er lebt gerade das, was bereits über Generationen eingeimpft wurde. Das macht ihn nicht zu einem schlechteren Menschen.
*side note 2.0: Ich habe emanzipierte Frauen aus Afghanistan kennengelernt, wo sich manche Schweizerin eine Scheibe abschneiden könnte. Ich wiederhole: Ich will mit dieser Geschichte keine Stereotypen hervorrufen oder bestätigen!

Zuhause angekommen, trotz Müdigkeit und Sehnsucht nach Erholung, fragte ich Ayana, welches Buch sie als Gutenacht-Geschichte möchte. Grinsend kam sie daraufhin aus ihrer Bücherecke mit einem Buch, das ich ihr ungelogen schon mindestens 303 Mal vorgelesen habe. Meine innere Emanze und ich lächelten, kuschelten uns mit unserem tollen Mädchen ins Bett und lasen ihr das Buch zum 304-ten Mal vor. Dabei fühlten wir uns stolz und zuversichtlich, dass dieser grinsende Bücherwurm eines Tages frei und unabhängig leben wird. 

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