Wir und sie

Kolumne Bödeli/Brienz Info
Ausgabe November 2023

“Griechenland fürchtet Flüchtlingskrise“
“Notstand auf Lampedusa: Tausende Flüchtlinge täglich”
“Zäune, Abschiebungen und Grenzen: Europa streitet sich weiter über Flüchtlinge”

Wir lesen sie täglich, diese Schlagzeilen. Wir sehen Bilder von Hunderten von Menschen, die auf kläglich überfüllten Booten versuchen, das Mittelmeer zu überqueren. Diese Boote sehen wir, eines nach dem anderen, stranden an den Toren zu “unserem” Europa.
Und wir machen uns zu Recht Gedanken über diese verstörenden Bilder. 

Die Flüchtlingsthematik ist zum einen politisch und wirtschaftlich. Zum anderen sprechen wir hier in erster Linie von Menschenleben und Menschenwürde. Das macht es ein schwer zu debattierendes Thema. Heute möchte ich über das Schicksal des Einzelnen und die Mitschuld Europas sprechen. 

Die Flucht
Menschen fliehen vor Krieg und Verfolgung, sie fliehen vor Armut. In unserem sicheren Zuhause in einer wohlhabenden Gesellschaft mit viel Perspektive vergessen wir oft, wie privilegiert wir sind. Wir vergessen, dass wir die Minderheit sind und wir vorwiegend auf Kosten von Drittstaaten überhaupt zu diesem luxuriösen Status gelangt sind. Auf Kosten von Menschen, die deswegen unfreiwillig vom Klimawandel oder vom Krieg und der daraus resultierenden Armut betroffen sind und gezwungen werden, ihre Heimat zu verlassen. Genau diese Menschen stehen nun an den Toren von „unserem“ Europa und bitten um Schutz und Sicherheit. Und was tun wir? Vom meist privilegierten Platz auf der Welt verurteilen wir ihre Handlungen und wir missachten ihre Rechte und Würde. Die Medien zwirbeln und drehen die Realität wie es eben gerade politisch passt, und doch haben sie viele von uns wohl mal irgendwo gesehen: Die haarsträubenden Beweise, dass Flüchtlingsboote auf dem Mittelmeer gezielt angegriffen werden oder aufgrund menschenverachtender Gesetze keine Hilfestellung geleistet wird. Im Juni 2023 sind über 500 Menschen auf nur einem sinkenden Boot vor der griechischen Küste ertrunken. Es gibt Zeugenaussagen und Videoaufnahmen, die keine unterlassene Hilfestellung, sondern kaltblütige Beihilfe zum Mord beweisen. Aktuelle Berichte des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR besagen, dass seit Jahresbeginn bis September 2023 mehr als 2’500 Menschen auf ihrer Flucht über das Mittelmeer nach Europa gestorben sind oder als vermisst gelten. Wir sprechen hier von Menschen wie dir und mir. Dies sei ein Anstieg von beinahe 50 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. 

Der Mensch  
Seit über zwei Jahren begleite und berate ich Asylsuchende und Flüchtlinge in der Schweiz. Ich begleite Familien mit Kindern, ältere und jüngere Menschen beider Geschlechter. Menschen wie du und ich mit Bedürfnissen wie die Deinen und Meinen. Viele von ihnen kamen über diese gefährliche Mittelmeerroute. Noch nie bin ich einem Menschen begegnet, der seine Heimat freiwillig verlassen hat und sich auf eine derart riskante Reise voller Misshandlung und Missachtung in eine ungewisse Zukunft begeben hat. Doch wisst ihr, welchen Menschen ich stattdessen begegne? Menschen aus einer wunderbaren kulturellen Vielfalt mit individuellen Persönlichkeiten, Ideen, Träumen und Wünschen. Ich begegne starken Menschen mit einer bemerkenswerten Zielstrebigkeit, Durchhaltevermögen, Wille und Motivation. Und zu guter Letzt begegne ich Menschen, die sich dankbar und wohlwollend zeigen. Darf das nicht auch eine Bereicherung für unsere Gesellschaft sein? 

Die Veränderung
Die politischen und wirtschaftlichen Meinungen zu diesem Thema verleiten unsere Gesellschaft tendenziell dazu, diese Menschen auszugrenzen, statt sie teilhaben zu lassen. Ohne diese Teilnahme wird ein angenehmes Zusammenleben und voneinander Profitieren unmöglich. Flüchtlinge sind größtenteils Opfer unseres ignoranten und egoistischen Handelns über Jahrhunderte hinweg. Wir sollten dringend aufhören, uns in einer stupiden und ungerechtfertigten Opferrolle zu suhlen und endlich unsere Verantwortung gegenüber jenen wahrnehmen, welchen wir unseren privilegierten Platz mit zu verdanken haben! Die Haltung gegenüber geflüchteten Menschen in unserer Gesellschaft spielt eine tragende Rolle dabei, wie sie sich bei uns integrieren können. 

Wir könnten nun alle möglichen Lösungsansätze durcharbeiten, die aber grösstenteils ausserhalb unserer Handlungskompetenz liegen. Ziel ist doch eine Welt, in der viel weniger Menschen flüchten müssen. Bis dahin haben wir einen langen Weg vor uns und es braucht jetzt zwischenzeitliche dringende Veränderungen. 

Die Veränderung beginnt im kleinen Rahmen. Sie beginnt mit dem Bewusstsein, mit welchen Menschen wir hier zusammenleben und welche Verantwortung wir ihnen gegenüber haben. Das Zusammenführen von ”wir” und “sie”. Sie beginnt mit dir und deiner möglichen Unterstützung, die du einem geflüchteten Menschen bieten kannst. 

„Eltern setzen ihr Kind nur dann in ein Boot, wenn es auf dem Meer sicherer ist als auf dem Land.“ 
Warsan Shire, Dichterin aus Somalia

Hinterlasse einen Kommentar

search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close