Unsere Stillgeschichte

„Meine Liebe, 

falls du das jemals liest, keine Angst, du kannst weiterlesen. Alles jugendfrei. Alles „Mutti, du bist ja so peinlich!“ – frei.  

Ziemlich genau 24 Monate hast du dich durch meinen Körper ernährt. 10 Monate in mir, und 14 Monate an meiner Brust. Eine lange Zeit, die nun endet und von der ich mich mit einem lachenden und einem weinenden Auge verabschiede. Ich will unsere gemeinsame Geschichte festhalten, damit ich mich immer wieder daran erinnern darf. Vielleicht möchtest du das ja auch irgendwann. Ich möchte anderen Frauen Mut machen, sich nicht verstecken zu müssen und zu ihren Entscheidungen stehen dürfen, egal wie diese sein mögen.“

WICHTIG zu Beginn:
Dies ist KEIN Appell an Frauen die nicht stillen WOLLEN oder KÖNNEN! Ich beurteile und vor allem verurteile KEINE Entscheidungen anderer Müttern. Genau so wie ich Gründe hatte, lange zu Stillen, haben andere Frauen Gründe, weniger oder gar nicht zu stillen.
Ja. Auch ich wurde verurteilt. Zu wenig Stillen ist nicht gut aber zu viel eben auch nicht… Merkt euch eins: Recht machen können wir es der Gesellschaft sowieso nie, also lasst es uns gar nicht erst versuchen und von Anfang an auf unsere Instinkte vertrauen. Denn die sind das einzig Wahre um die Bedürfnisse unserer Kinder zu spüren und zu erfüllen. Ich hatte Erfolg damit und das möchte ich heute erzählen. 

Wie das so ist, hat man häufig Vorstellungen von etwas, die sich dann ganz anders herausstellen. Zu Beginn, noch vor der Geburt, war für mich stets klar, dass ich nicht länger als vier Monate stillen kann, da ich nach der Mutterschaftspause (kurzer Input an dieser Stelle meinerseits: Nennt das doch bitte nicht Mutterschaftsurlaub… es ist alles andere als URLAUB) wieder anfing zu arbeiten. Heute finde ich, es hat schon nur einige Monate gebraucht, bis wir uns überhaupt richtig eingespielt hatten. Es brauchte unglaublich viel Geduld und so einige Stunden schmerzende Nippel (sorry meine Liebe). Dadurch war für mich schnell klar, trotz Arbeit, dass ich weiterfahren möchte. Abpumpen und Einfrieren, Mittags nach Hause radeln und Stillen stand täglich auf dem Programm. Eine ziemlich Energie zehrende Zeit, inklusive vielen schlaflosen Nächten. Während ich mich gerade so daran erinnere, frage ich mich, wie ich diese Zeit überhaupt schadlos überstanden habe. But that is the magic of being a woman… ich sags euch! 

So also vergingen die Wochen und schlaflosen Nächte, ab dem siebten Monat entschieden wir uns, statt abgepumpte Muttermilch, Milchpulver Flasche zu geben, wenn ich nicht da war. Teilzeit Stillen? Kam mir vorher nie in den Sinn, ist aber total machbar. Das bedeutete bei uns so viel wie Morgens, Abends und Nachts stillen, Tagsüber bei Bedarf die Flasche mit Milchpulver. Ich muss vielleicht dazu sagen, dass unsere Tochter sehr pflegeleicht und flexibel ist was die Nahrung und Nahrungsaufnahme angeht. Sie nimmt was es gibt und hat nie verweigert. Ganz die Mutti… Das trug bestimmt auch dazu bei, dass dieses System so einfach geklappt hat. Weitere acht Monate haben wir dann also “gestillt auf Teilzeitbasis”. 

Bei weitem ging es nicht mehr nur um die Nahrungsversorgung. Geborgenheit,  Vertrauen und Liebe sind für mich ebenso wichtige Begriffe in dieser Thematik. Ich bin überzeugt davon, dass man ein Baby/Kleinkind nie zu sehr verwöhnen kann, ganz besonders nicht mit diesen drei Begriffen. Also, jeder der sich jetzt im Geheimen denkt, dass ich sie zu einem verwöhnten “Nippel-Addict”, “Mutti-Mädchen” oder “Büppi-Chind” erzogen habe, liegt falsch. Sorry. 

Durch die Stillzeit, nach anfänglichen Herausforderungen und schmerzenden Nippeln (sorry again), waren wir ein super eingespieltes Team. Wir sind uns mit sehr viel Sorgfalt und Respekt begegnet und ich durfte ihr das Geschenk der engsten Nähe geben. Irgendwann wurde das Interesse beiderseits laufend weniger, bis der Tag kam an dem ich wusste, wir können diese Zeit nun beenden, und es stimmt für uns beide. Seit diesem Tag, dem 10. Juli 2020, gab es nie mehr ein Verlangen nach der Brust und besonders wichtig für mich, keine Tränen. Die Nähe kompensiert sie nun mit etwas mehr Kuscheln, was auch für mich schön und stimmig ist. Somit erlebten wir eine sanfte Ablösung, die nicht zu sehr schmerzt. 

Zu Beginn meiner Geschichte habe ich Instinkt erwähnt. Here we are… ich habe mich trotz viel gut gemeinter Ratschläge und selbst angeeigneten fachlichen Wissen zu 100% auf meinen Instinkt verlassen. Nun darf ich mit etwas Mutti-Stolz eine Erfolgsgeschichte erzählen. 

Bereue ich etwas?

Ja! Ich bereue, dass ich mich nicht mehr traute, in der Öffentlichkeit zu stillen. Blicke der Mitmenschen, manche bestimmt aus Neugier und vielleicht auch Staunen, manche aber merklich auch aus leichtem Entsetzen, konnte ich leider nicht so leicht wegstecken und habe mich oft unwohl gefühlt mein Kind in der Öffentlichkeit zu stillen. 

Ich weiss, dass es damit nicht nur mir so ergeht. Schade, dass es in unsere “entwickelten” Gesellschaft im 21ten Jahrhundert etwas Befremdliches ist, sein neugeborenes Kind auf natürliche Weise zu ernähren. Manchmal wünschte ich mir, ich hätte in der Hinsicht mehr Stärke beweisen können. Ich wünsche es jeder stillenden Mama. Manchmal erwische ich mich beim Anblick einer in der öffentlichkeit stillenden Mama dabei, sehr viel Hochachtung und auch etwas Neid zu verspüren. Kürzlich zum Beispiel, in einem grossen Einkaufszentrum, mitten im Restaurant zur Mittagszeit. Umgeben von verschwitzten Bauarbeitern, Business Menschen in Meetings und Familien mit schmatzenden Kindern, sass sie da in aller Ruhe, wirkte entspannt und im Reinen mit sich und der Situation. Ihr Neugeborenes an der Brust hatte sie nur leicht abgedeckt mit einem Spucktuch. Es war heiss und somit vernünftig, das Kleine nicht komplett unter einem blickdichten Schal zu verstecken. Was gibt es denn eigentlich zu verstecken? Mein allergrösster Respekt für soviel Mut und Selbstverständlichkeit, ich wünsche mir in Zukunft mehr solche Frauen sehen zu dürfen. 

„Meine Liebe, 

abschliessend möchte ich dir danken. Danken für diese bindende und einmalige Zeit, die mich veränderte und auch dir hoffentlich viel auf den Weg geben kann. 

Danke für diese Erfahrung, deinen Respekt und deine Liebe!“

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