Vor kurzem wurde ich Mama. Und damit wuchs mein Verständnis dafür, was es heisst, eine Frau zu sein.
Es beinhaltet so viel mehr, das ich erst seit der Geburt unserer Tochter verstehe. Es beinhaltet einzigartige Gefühle, endlose Liebe, spannende Herausforderungen und persönliche Weiterentwicklung. Es beinhaltet aber auch Verantwortung, Verpflichtung, Verzicht, schwere Entscheidungen und manchmal Ungerechtigkeit.

Als Frau ist es selbstverständlich auf die Kinder zu achten. Es ist selbstverständlich Essen zuzubereiten, die Kinder zu baden, sie abends zu Bett zu bringen. Die Gesellschaft betrachtet es als durch und durch normal, eine Frau mit Kind beim Einkaufen im Supermarkt mit viel zu schweren Taschen des Wocheneinkaufs anzutreffen und ihr beim Schleppen mit ein bisschen Mitleid zuzuschauen. Es ist auch nichts Aussergewöhnliches, dass Mama keine Zeit mehr für sich selbst hat. Das gehört halt dazu. Nachts ist das Kind bei Mama, weil es halt so sein soll. Wenn die Mama am nächsten Tag mit Ringen unter den Augen gefühlt bis zum Bauchnabel kurz mal erwähnt, dass sie müde ist, wird das mit einem bedauernden Blick abgetan. Das gehört halt dazu.
So. Und jetzt, drehen wir diese Geschichte mal um.
„Wow! Dein Mann ist Hausmann? Ihr seid ja voll modern!“
„Wow! Dein Mann kümmert sich um die Kleine und du arbeitest? Grossartig, dass er das macht!“
„Wow! Dein Mann geht sogar ins Babyschwimmen? Das würde aber auch nicht jeder machen!“
Entschuldigung, in welchem Jahrhundert leben wir nochmal?
Warum klopft mir den niemand auf die Schultern, wenn ich mich vollbepackt mit meiner nicht leichter werdenden Tochter im Tragetuch, drei ultraschweren Einkaufstüten und dem Autoschlüssel zwischen den Zähnen mühselig zum Auto schleppe? Wieso findet es niemand toll, wenn ich unseren kleinen Schatz nach einem anstrengenden Arbeitstag bade und zu Bett bringe? Warum verzieht niemand dieses übertriebene „AWWW“-Gesicht, wenn ich erwähne, dass ich gestern im Babyschwimmen war?
Hast du dich jemals gefragt, wie es sich anfühlt als frische Mama, dein vier Monate altes Baby den ganzen Tag nicht zu sehen, dir die Brüste fast explodieren und du mit deinem Hormonhaushalt immer noch nicht im reinen bist und dir dauernd die Tränen kommen, wenn du an deinen Nachwuchs denkst? Hast du dich jemals gefragt, wie es sich anfühlt als frischer Papa einer Tätigkeit nachzugehen, die eigentlich Null in deiner Natur liegt? Dich jeden Morgen von deiner Frau zu verabschieden, dir aber insgeheim wünschst, selbst mal einen Tag aus dem Haus zu sein und abends müde von der Arbeit nach Hause zu kommen? Hast du dir auch überlegt, dass diese Situation für frische Eltern extrem belastend sein kann?
Wir sind modern? Vielleicht haben wir keine andere Wahl!
Ich kann mir in etwa vorstellen, was viele Leser jetzt denken werden. „Ooh, die wieder! Nur am mötzeln!“ *Augenroll* „Soll doch froh sein, dass sie einen Mann an ihrer Seite der überhaupt etwas macht.“
ENTSCHULDIGUNG, IN WELCHEM JAHRHUNDERT LEBEN WIR NOCHMAL?
Ich bin dankbar für meinen Mann. Er ist der coolste Ehemann und feinfühligste Vater, den ich mir überhaupt vorstellen kann. Er unterstützt mich wo er kann, ist verständnisvoll und liebevoll im Umgang mit unserer Tochter, was für mich das allerwichtigste ist.
Meine Gedanken hier schreibe ich nicht nieder, weil ich nach Mitleid und Lob von Menschen da draussen giere.
Nein.
Ich verfasse diese Gedanken, weil ich mehr denn je verstehe, wie viel wir Frauen eigentlich leisten. Wie stark wir sind. Wie unerschöpflich wir jeden Morgen aufstehen und uns den von der Gesellschaft verordneten Aufgaben und Erwartungen stellen, ohne uns zu beklagen. Denkst du nicht auch, es ist an der Zeit sich die Frauen in deiner naher Umgebung mal genauer anzuschauen? Womöglich gibt ihr eine kleine Hilfestellung beim Schleppen der ultraschweren Einkaufstüten das Gefühl, gesehen zu werden. Womöglich gibt ihr eine kleine Geste das Gefühl, verstanden zu werden.
Für meinen kleinen Lieblingsmenschen wünsche ich mir, dass sie zu einer starken und unabhängigen Frau heranwachsen darf. Ich wünsche mir, dass sie in einer Gesellschaft leben darf, die sie, egal in welchen Lebensumständen und mit welcher Lebenseinstellung, als Frau respektiert und ernst nimmt.
Dafür setze ich mich ein. Doch bis dahin haben wir noch einen langen Weg vor uns….
