Kolumne Brienz Info
Ausgabe Oktober 2019
Überall sind sie, diese Smartphones. Im Zug, im Restaurant, im Kino, beim Wandern, auf der Strasse, ja sogar auf dem Kinderspielplatz wird eifrig darauf rumgetippt. Es kennt keine Altersgruppen: vom Kindergarten bis ins Altersheim trifft man sie an. Beängstigend wie viel Raum dieses kleine Gerät einnimmt…
Ich wage zu behaupten, meine Generation war die Letzte, die eine Smartphone-freie
Kindheit gniessen durfte. Bewusst sage ich „geniessen durfte“, ich bin nicht zwingend eine Befürworterin dieser extremen Smartphone Generation. Insbesondere wenn ich sehe, wie sehr es unser Leben bestimmt und was wir dadurch alles verpassen. Dazu eine kleine Geschichte:
Ein Abendspaziergang mit dem Baby im Tragetuch ist etwas Wunderbares. Baby kann
anschliessend gut schlafen und Mama ist glücklich darüber. Bei uns in der Nachbarschaft hat es einen kleinen Spielplatz, der rege genutzt wird. Ein simpler Spielplatz, aber mit allem was es haben sollte: Zwei Schaukeln, eine Balkenwippe, ein Spielhaus mit Klettergerüst und Rutsche. Ein kleines aber feines Kinderparadies. An besagtem Ort spazieren wir häufig vorbei. Kürzlich habe ich dort eine Situation beobachtet, die mich bestimmt auch grausen würde, wenn ich selbst keinen Nachwuchs hätte. Zwei junge Mädchen, schätzungsweise 10 Jahre alt, sassen sich auf der Balkenwippe gegenüber, beide ein Smartphone in der Hand. Mit konzentriertem und starrem Blick fokussierten sie das Gerät vor ihnen, jede für sich. Zu
Beginn fand ich die Szene etwas belustigend und musste kurz schmunzeln. Erinnerte mich irgendwie an einen Zombiefilm. Wir liefen verlangsamt vorbei und nichts tat sich. Keine Mimik veränderte sich, keine Handlung fand statt. Ich fand das so bizarr, dass ich beschloss mich auf die Sitzbank zu setzen und diese Szene weiter zu verfolgen. Es war wohl das Langweiligste, das ich jemals in meinem Leben tat. Nach gefühlter Ewigkeit endlich eine Bewegung: eines der Mädchen hob den Kopf und schaute das andere Mädchen an. In dem Moment wünschte ich, ich hätte Popcorn dabeigehabt…. Trommelwirbel… „Sag mal, welchen Effekt findest du am besten für mein neues Bild auf Instagram? Es fällt mir soo schwer mich zu entscheiden!“ Das andere Mädchen hob nicht mal den Kopf, nuschelte den Namen ihres Lieblingseffekts vor sich hin, und vertiefte sich wieder. Ich war entsetzt und hätte mich bestimmt am Popcorn verschluckt. Unsere Entscheidungen in der Kindheit waren jetzt auch nicht lebensverändernd. Mir ist aber die Entscheidung, welches eklige Kraut wir noch in die Hexensuppe mischen sollten, damit es wohlbemerkt noch mehr stinkt, wesentlich sympathischer, als welcher Fotoeffekt ein 10-jähriges Mädchen aussehen lässt wie ein 20-jähriges Model…
Für meinen kleinen Schützling wünsche ich mir ein Umfeld, das mehr wieder aufeinander achtet und sich gegenseitig wahrnimmt. Wir sind keine Maschinen. Unser Leben findet hier und jetzt mit unseren Mitmenschen statt. Warum nicht eurem Gegenüber im Zug ein Lächeln schenken? Erzählt euch doch eine Geschichte aus eurem Leben beim gemütlichen Essen im Restaurant. Anstatt Instagram zu informieren, wie der neue Kinofilm war, könntet ihr euch mit eurem Sitznachbarn darüber austauschen, und der Sonnenuntergang ist in Wirklichkeit atemberaubender als auf jedem Smartphone Bildschirm. Ihr macht den entgegenkommenden Fussgängern einen Gefallen, wenn ihr die kitschigen Whatsapp-Nachrichten an euer Schätzi in Ruhe auf einer Parkbank versendet… Und „herrgottstärneinnhibald“, schickt eure Kinder doch bitte ohne Smartphone auf den Spielplatz! Bestimmt gibt es dann beim Abendbrot mehr zu erzählen…
