Mach’ doch ma Pause, Alte!

6.30 Uhr. Ich sitze bereits im Büro am Rechner. Warum so früh? Weil ich nicht schlafen kann. Warum kann ich nicht schlafen? Weil unsere Tochter das so entschieden hat. Es ist zur Zeit so, dass sie unseren Tages- und Nachtablauf ganz alleine bestimmt. Grad so nach Lust und Laune. Und ganz bestimmt so, dass es Mama und Papa besonders schlaucht. 3.00 Uhr Nachts ist nämlich normalerweise nicht unbedingt so meine Uhrzeit, die ich zum Rumturnen und Spielen nutzen würde. 

Manchmal nenne ich sie liebevoll meine kleine Diktatorin. Nur heimlich natürlich. 

Frau sein. Mama sein. Das beinhaltet viel. Viel mehr als man denkt. Als vollzeitarbeitende Mama begegnet man Hürden, von denen man vorher nicht einmal wusste, dass solche existieren könnten. Ich arbeite also tagsüber, Abends und Nachts kümmere ich mich um unsere kleine Diktatorin. Ob ich das muss? Nein, ich will das so. Es ist wohl in der Natur einer Mutter, soviel Zeit wie möglich mit dem Nachwuchs verbringen zu wollen. Zeitlich habe ich also keine andere Wahl als das “Verpasste” Abends und Nachts nachzuholen. Ob das eine Zwickmühle ist? Jawohl, das ist es. Ob es sich zu einem Zwang entwickeln kann? Jawohl, das kann es. 

Egal wie lebendig die Nacht ist, ich will es alleine schaffen. Ich will sie nicht Papa überlassen. Ich will sei bei mir haben. Die Zeit gehört doch uns zweien. Sie findet es natürlich wunderbar, dass Mama da ist und Nachts um 3.00 Uhr die Bauklötzchen und ihre unerhört guten Unterhaltungs-Skills auspackt. Die Wochen und Monate vergehen, die Augenringe werden tiefer und dunkler, das unangenehme schlechte Gewissen bleibt und wird von Tag zu Tag grösser. Grösser wird es womöglich weil sie mich verärgert, wenn sie mich nicht schlafen lässt. Kaum drehe ich mich um in der Überzeugung, dass sie nun endlich eingeschlafen ist, strampelt und fuchtelt es hinter mir, eine kleine Hand zieht an meinem T-Shirt oder schlimmsten Falls an meinen Haaren und ein lauter Mund blabbert seelig vor sich hin. Das ist ein bisschen wie Folter, einfach in Version “niedlich”. Wenn ich mich dann früh morgens aus dem Bett quäle, schnarcht sie neben mir friedlich vor sich hin, sichtlich müde von einer fast durchzechten Nacht. 

Oft erinnert mich mein Mann daran, dass er doch da sei und er sie in der Nacht auch übernehmen kann. Ein total grosszügiges, liebgemeintes Angebot, das ich einfach nicht annehmen kann. Und darüber ärgere ich mich selbst. Über Monate nun habe ich funktioniert ohne Einbruch und dann passierte es: Eine hässliche Magendarmgrippe erwischte uns in der Altjahrswoche. Da bekommen die Worte “die Seele aus dem Leib kotzen” gleich eine völlig neue Bedeutung. Sorry, too much information! Ich siechte also einige Tage vor mich hin, rannte zwischen Bett und Toilette, zwischen stillen und kötzeln, hin und her und fand keine Ruhe. Erholung war in weiter Ferne. Eine Magendarmgrippe inklusive Erkältung trägt nunmal nicht unbedingt zu einer Besserung des Schlafrhythmus bei. Es passierte in diesen Tagen etwas mit mir, wofür ich mich als Mama schämte und dennoch wusste ich, dass ich derartige Gefühle ernst nehmen und aussprechen sollte. Ich hatte die Nase voll. Nicht nur vor Rotz, sondern auch vor lauter Übermüdung und der damit eintretenden Überforderung. Am liebsten hätte ich meine Tasche gepackt, wäre zur Tür raus und weit weg gekrochen (rennen war nun echt nicht mehr drin). Gleichzeitig überkam mich permanent das schlechte Gewissen, überhaupt solche Gedanken zu haben. Es waren dermassen unangenehme und unschöne Gefühle, mit denen ich nur schwer umgehen konnte.  

In Worte fassen konnte ich meinen Zustand zu diesem Zeitpunkt daher noch nicht. Ich bat meinen Mann eine Nacht auf die Kleine alleine aufzupassen, damit ich mich erholen kann. Beschämt verliess ich unsere Wohnung und fuhr zum Haus meiner Eltern, wo mich eine verständnisvolle Mama und ein einfühlsamer Papa in die Arme nahmen. Da war ich nun, beschämend befreit aus den Händen meines tollen Kindes, glücklich über ein bisschen Raum für mich und nachdenklich über diese ganzen Gefühlswellen, die über mir zusammenbrechen. 

Einige Zeit ist inzwischen vergangen und nun kann ich meinen Zustand in Worte fassen. Schlicht und einfach eine Überlastung. Eine Überspannung des Zwang-Bogens. Zu viel selbst aufgebauter Druck, der mich zusammen  mit der Magendarmgrippe zu Fall brachte. 2 gegen 1. Wie unfair! 

Ich weiss, dass es nicht nur mir so geht. Egal ob zwei Tage nach der Geburt, mit einem 8-Monate alten Baby oder 12 Jahre alten Kind, es kann jede Mutter jederzeit einholen. Oder sie überholt sich selbst. Und das ist kein Verbrechen. Im Gegenteil, lasst uns darüber sprechen! Sprecht es zu Hause aus, auch bei euren Kindern, wenn es euch nicht gut geht. 

Liebe wundervolle Mamis da draussen! Es ist in Ordnung auch mal Zeit für sich selbst zu nehmen. Ihr seid entbehrlich, jedenfalls für ein paar Stunden oder auch Tage. 

In diesem Sinne: “Mach’ doch ma Pause, Alte!” and out! 

 

Hinterlasse einen Kommentar

search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close