…und herzlichen Dank!
Kolumne Brienz/Bödeli Info
Ausgabe Juni 2021
Meine Tochter wurde letzten Monat zwei Jahre alt. Abgesehen von der Tatsache wie schnell dieser kleine Mensch heranwächst, ist es auch phänomenal zu sehen, wie unaufhaltsam sich ihre wunderbare Persönlichkeit entwickelt. Das Kleinkindalter finde ich hinreissend. Gemeinsam die Welt (neu) entdecken und eine durchaus ausgeprägte Neugier stillen. Erste handfeste Diskussionen finden statt und enden erstaunlich oft in einem für uns beiden in der Tat akzeptablen Kompromiss. Eine sehr spannende und herausfordernde Reise.
Seit kurzem ist Abschiednehmen ein grosses Thema für sie. Egal ob das von den geliebten Grosseltern nach einem Besuch ist oder von einem winzigen Glückskäfer am Wegrand: Es ist ihr wichtig, davon Abschied zu nehmen, wenn die zu Verabschiedenden weggehen oder auch wenn sie selbst weggeht. Es kommt mir vor, als ob sie erste Ablösungsprozesse ausprobiert und aktiv durchleben will. Manchmal dauert die Abschiedszeremonie länger und ist schmerzhafter, manchmal ist sie einfacher und nach einem kurzen Armwedeln vorüber und scheinbar schnell vergessen. Meist ist die Intensität abhängig von ihrer Tagesform.
Das “Chäferli” am Wegrand

Wie so oft auf unseren Spaziergängen durch die Natur entdecken wir allerhand was kreucht und fleucht. Kürzlich fanden wir einen hübschen Glückskäfer und sie war hell begeistert. Mindestens zehn Minuten knieten wir uns neben dieses, wie sie es lieblich nennt “Chäferli”, hin und schauten ihm beim Fortbewegen durchs Gras zu. Zu allem was kreucht und fleucht tragen wir Sorge und behandeln es respektvoll; sie pflegt stets eine gesunde Distanz. Plötzlich und mich aus meinen Gedanken reissend, steht sie auf, schaut mich sehr ernst an und sagt leise aber bestimmt: “Chäferli, tsüss säge jetzt! Ayana wäg jetzt!”. Noch etwas mitgenommen von der plötzlichen Entscheidung meiner sehr präsenten Tochter, stimmte ich ihr dann zu. Sie ging ganz nahe zum Glückskäfer hin und flüsterte liebevoll “Tsüüüüss Chäferli! Ayana gärn Chäferli!”. Mein Herz schmolz dahin. Wir standen auf, winkten dem “Chäferli” zum Abschied zu und setzten unseren Spaziergang munter fort.
Abschied nehmen. Wir alle tun es womöglich täglich, doch oft bemerken wir es gar nicht mehr. Dann gibt es noch diese Abschiede, die schmerzen oder diese, die sich auch mal erleichternd anfühlen. Egal wo und wie, Abschiede gehören zu unserem täglichen Leben dazu. Mit dieser spannenden Phase, in der sich meine Tochter befindet, achte ich wieder vermehrt darauf, wie ich mich in verschiedenen Situationen einem Abschied widme.
Heute nehme ich Abschied von Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser. Fünf Jahre durfte ich für das Bödeli-/BrienzInfo Kolumnen schreiben und mit Ihnen meine Gedanken teilen. Das Schreiben für Sie hat mir stets Spass gemacht. Von freudig und leicht bis hin zu intensiv und mit Überwindung verbunden, war alles vorhanden. Ich hätte noch viel zu erzählen, finde aber, es ist Zeit einem neuen Kolumnen-Gesicht Platz zu machen. Für die Rückmeldungen und oft so lieben Worte aus meinem Heimatdorf Brienz möchte ich mich herzlich bedanken. Für diejenigen, die mein Geschreibsel absolut daneben fanden, ist es wohl ein Abschied der erleichternden Sorte. Keine Sorge, ich nehme es nicht persönlich. Wie auch immer sich dieser Abschied für Sie anfühlt, ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen alles Liebe!
