Willkommen in DER Phase
Im Fachbereich wird es “die Autonomiephase” genannt. Das Wort geht wie Butter über die Lippen: Leicht auszusprechen und es hört sich irgendwie auch zumutbar an. Umgangssprachlich reden wir von “der Trotzphase”, was sich für mich schon etwas realitätsnaher anhört, doch meiner Meinung nach noch zu wenig die Intensität dieser Phase beschreibt. Ich habe mich entschieden es einfach die “Hilfe-ich-glaube-mein-kind-ist-kaputt-Phase” nennen.
Es kam, als ob es jemand (wohlgemerkt unabsichtlich) bestellt und von DHL Express unerwartet durchs Fenster geworfen wurde. Anscheinend stand meine Tochter mit offenem Armen an jenem Tag an jenem offenen Fenster, sodass sie es direkt aufgefangen hat. Ich war nicht dabei, aber so stelle ich mir das in etwa vor.
Das erste Mal geschah es auf dem Nachhauseweg von einem idyllischen Spaziergang. Es waren wie so oft wunderschöne Stunden draussen in der Natur mit viel Entdecken, Spielen und Bewegen. An einer Kreuzung geschah es dann für mich wie aus dem Nichts. Sie schrie Unverständliches, stiess mit einer Herkuleskraft den Kinderwagen samt Gepäck zu Boden und schlug mit ihren bisher noch niedlichen Kinderfäusten auf mich ein. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was gerade passierte. Und ich wage zu behaupten es erging ihr ähnlich. Ich kniete mich auf Augenhöhe zu ihr und versuchte zu ihr zu sprechen. Ich bat sie mit mir zu reden, und teilte ihr ruhig mit, dass ich sie gerade nicht verstehe. Das würde ich aber gerne, damit wir eine Lösung für ihr Problem gemeinsam finden können.
Jaja. Blabla. Ich schreie dann mal weiter.
Meine Botschaft kam offensichtlich nicht bei ihr an. Sie versuchte dann auch mich mit ihrer Herkuleskraft umzustossen, was ihr dank meiner gut angelegten Kilos nicht gelungen war. Ich wusste schon immer, dass Schokolade nicht nur glücklich macht, sondern auch noch stark!
Versuch Mama umzustossen misslungen. Jetzt erst recht alles doof!
Schimpfend und mit wedelnden Armen lief sie in die andere Richtung und fauchte sogar offensichtlich etwas eingeschüchterte Passanten im Vorbeigehen an.
Wer bist du und was hast du mit meiner Tochter gemacht?
Plötzlich überkam mich ein Bedürfnis, sie aus diesem Zustand rauszuholen. Was auch immer da in meinem Kind rumgeistert, soll sich mal wieder schön dahin verziehen, wo es herkam. Ein Anruf bei DHL Express führte leider zu nichts, also entschied ich mich in die Aktion zu gehen. Ich lief ihr hinterher und meldete mich an, dass ich sie nun hochheben und zu mir nehmen werde. Das wurde mit einem schrillen Ur-Schrei direkt in meinen Gehörgang beantwortet und mit viel Gezappel bestätigt. Ich drückte sie an mich und so schnell es kam, ging die Anspannung plötzlich aus ihrem Körper und sie schmiegte sich an mich und weinte bitterlich.
Save me from the unknown emotion, mother!
Auf mein Nachfragen wollte sie dann nur noch in den Kinderwagen und nach Hause. Weg vom Tatort. Stillschweigend. Das haben wir dann auch gemacht, beide noch etwas benommen vom soeben geschehenen Ereignis.
Zuhause gab es dann Abendbrot. Sie ass mit grossem Appetit und es war, als hätte es diesen Vorfall nicht gegeben. Später im Bett, wo wir wie jeden Abend den Tag Revue passieren lassen und über das Erlebte sprechen, meinte sie dann kichernd “Heute viiiiel geschrien!” Es kam so unerwartet und zugleich so urkomisch, das Lachen konnte ich mir nur mit Mühe verkneifen. Stattdessen versuchte ich ruhig darauf einzugehen und fragte nach, warum sie denn so schreien musste. “Ich war wütend”, war die Antwort. “Dann traurig”, kam hinterher. “Aber jetzt alles guuuut”, dann noch die finale Aussage bevor sie sich an mich kuschelte und langsam einschlief.

Unbeliebte Emotionen
Wut und Aggression sind in unsere Gesellschaft Emotionen, die grösstenteils abgelehnt und als negativ betrachtet werden. Übersetzt aus dem Lateinischen “agredere” bedeutet es Neues zu beginnen und etwas anzupacken. Diese starke Emotion hat somit durchaus auch eine konstruktive Seite. Im Sport zum Beispiel wird oft mit diesen Emotionen gearbeitet, um zu gewinnen. Dabei werden sie mit einem gesunden Umgang verwendet und niemand kommt zu Schaden. Wir können also sagen, dass diese Emotionen durchaus auch eine positive Seite haben.
Kinder kommen in Berührung mit diesen vorwärts treibenden Emotionen, ganz natürlich. Denn sie wollen weg vom Erreichten und streben Neues an. Das beinhaltet auch, Grenzen mal ordentlich auszutesten und Regeln nicht ganz so aus Versehen zu missachten. Damit wurde mir aber auch klar, dass wenn wir diese Energie stilllegen, ihre Neugierde und Lernbereitschaft schneller ausser Kraft gesetzt wird.
It’s the circle of life.
Wo sind die Grenzen?
Seitdem ich mich intensiver mit dieser Phase meines Kindes auseinandersetze, frage ich mich oft, wo dann die Grenzen sind. Muss ich mit dem Willen, keine ihrer Energien stillzulegen, alles einfach so akzeptieren?
Nein, muss ich nicht. Wer mag schon Tinnitus mit knackigen dreissig Jahren.
Verständnis sollte nicht mit Akzeptanz verwechselt werden. Grenzüberschreitungen, die auch für alle Eltern natürlich unterschiedlich angelegt sind, sollten meiner Meinung nach verstanden, jedoch nicht akzeptiert werden. In einem ersten Schritt lohnte es sich hier für mich, mir meinen Grenzen ganz bewusst zu werden, um dann auch konsequent und authentisch reagieren zu können, wenn diese überschritten werden.
Danke an dieser Stelle dem besten Vater der Welt, der mich auf das Bewusstwerden meiner eigenen Grenzen aufmerksam gemacht hat!
Ich glaube tatsächlich, dass ich sie mit einem klaren Rahmen und Grenzen inklusive Freiraum zum Ausleben dieser Emotionen besser durch diese Phase begleiten kann (Meinungsänderung vorbehalten… höhö). Eine klare Grenzüberschreitung für mich ist zum Beispiel, wenn sie mich direkt, volles Rohr und Tinnituskonform anschreit. Besonders in Innenräumen hat mein Verstand das inzwischen als Körperverletzung abgestempelt und entsprechend reagiere ich dann auch mit Wut und gehe in die Verteidigung. Zwei wütende Menschen haben selten eine konstruktive Konversation. Und bei uns endet das dann in einem grösseren Drama als alle von Shakespeare zusammen. In solchen Momenten versuche ich mich jetzt klar abzugrenzen und bitte sie aus dem Fenster (I know, sorry Nachbarn!) oder in einem anderen Zimmer zu schreien und wenn das nicht hilft, verlasse ich selbst den Raum. Und dann denke ich einfach an ein niedliches Katzenvideo auf Youtube und halte mir unbemerkt die Ohren zu bis sich der kleine Brüllaffe wieder beruhigt hat.
One-way ticket to the moon
Einen Plan habe ich, an der Umsetzung scheitert es manchmal trotzdem. Es ist furchtbar schwierig und manchmal kaufe ich für sie in Gedanken ein one-way ticket to the moon. Wenn dann die Verkäuferin aus purer Freundlichkeit nachfragt, ob sie denn gleich retour lösen soll, schiesst das “NEEEIN! Wie können Sie es wagen, auch nur zu fragen!” nur so aus mir raus.
Zum Glück sind wir erst in der Anfangszeit dieser Phase und ich habe noch eine Meeenge Zeit, das alles zu verinnerlichen. Und zu lästern über unsere Kinder mit anderen Eltern, die dieses Schicksal teilen. Schön, dass es euch gibt!
