Entscheidungen, die das Leben prägen

Kolumne Brienz Info Ausgabe Juli 2016 

Genau ein Jahr ist es nun her seit ich mich entschieden habe, in einem anderen Land, auf einem anderen Kontinent und in einer anderen Kultur zu leben.

Natürlich stiess diese etwas prompte Entscheidung auf viele Fragen und auch etwas zurückhaltendes Entsetzen von Familie, Freunden und Bekannten. „Du wanderst aus? Für immer?!“ „Afrika?! Ist das nicht gefährlich?“ „Wann kommst du zurück? Was, du weisst es nicht?! Was ist denn mit deiner Zukunft?“. Die besorgte Frage betreffend meiner Zukunft hörte ich oft. „Wie stellst du dir denn die Zukunft in einem armen Land vor?“

Aus meiner Sicht berechtigte und wohlbemerkt wichtige Fragen, die mich richtigerweise selbst zum intensiveren nachdenken anregten. Ist Afrika eine Lösung für ein Problem oder renne ich vor einer Unentschlossenheit davon? Was will ich in meinem Leben, welche Ziele verfolge ich? Was lasse ich hinter mir?

Komischerweise ist mir noch nie eine Entscheidung leichter gefallen, meine Komfortzone zu verlassen und die Veränderungszone zu erkunden. Ich bin bekannt dafür mich schwer zu tun, bereits mit kleinen Entscheidungen. Von „Welche Sorte Eis gönne ich mir denn heute an diesem sonnigen Sonntagnachmittag? Schokolade oder Vanille?“ (ja, ich bin sehr unkreativ was Eis essen anbelangt) bis hin zu „Welches Halstuch soll ich heute tragen?“ (ja, ich trage auch im Hochsommer in der Schweiz ein Halstuch). Zwei banale Beispiele bei denen ich mit voller Überzeugung behaupten kann, dass sie nicht lebensverändernd sondern nur für einen kurzen Moment prägend sind,
wenn überhaupt! Prägend für den Moment wäre es, wenn ich einen weissen Schal trage und ungeschickt ein „Schoggi-Cornet“ esse.

Bereits als ich zum ersten Mal für drei Monate in Tansania als Volunteer gearbeitet habe und durch das Land gereist bin, empfand ich ein Gefühl von grosser Zufriedenheit vermischt mit Abenteuerlust, Neues zu erkunden und kennenzulernen. Die Arbeit im Kinderheim „Simbas Footprints“ verstärkt mein Gefühl von einer Art Erfüllung im Leben, die ich so noch nie vorher empfand. Und genau dieser Erfüllung will ich intensiver nachgehen.

Die zweite Gewissheit verspürte ich als ich mich intensiv mit der Frage auseinandersetzte, was ich in meinen Leben will und wie meine Zukunft aussehen soll. Die Erfahrung in meinem jungen Leben zeigt, dass man die Zukunft noch so durchplanen kann, und es doch meist anders kommt als man denkt. Warum soll ich mich jetzt durch ein Studium boxen, nur damit ich ein Studium absolviert habe? Warum soll ich schon jetzt Geld sparen für Familie und eigenes Haus, wenn ich meinen Weg noch nicht so genau kenne? Warum nicht einfach gehen, solange noch keine Verpflichtungen da sind, denen ich in meiner Heimat nachgehen muss? Warum nicht einer Leidenschaft nachgehen, die mich herausfordert und zugleich innerlich sehr zufrieden macht? Was für ein grosses Privileg das ist, einfach den Koffer packen zu können und einer Leidenschaft nachzugehen, merke ich noch viel intensiver seit ich in einem Land lebe, in dem meist nicht einmal die Grundbedürfnisse gedeckt sind und lernte es daher noch auf eine andere Weise schätzen.

Familie und Freunde habe ich hinter mir gelassen, um mir einen Traum zu erfüllen, fernab von meinen Wurzeln, in der Wiege der Menschheit, in Tansania. Meine lieben Eltern haben mir folgenden Satz auf meine Reise mitgegeben, der mich in meiner jetzigen Lebensphase sehr prägt: „Überall auf dieser Welt kann dein zu Hause sein, solange du deine Wurzeln nie vergisst. Denn diese machen dich stark und befähigen dich zu Schritten fern ab der Komfortzone!“

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