Dieser Tod ohne Sinn

Im März 2016 begegnete ich einem kleinen Wesen. Ein kleines Wesen, das wohl an diesem Tag so wenig Sinn im Leben sah wie eine Biene in einer Welt ohne Blumen. Im März 2016 trat ein kleiner Welpe in mein Leben, welcher von da an mein treuer und stetiger Begleiter in meinem Alltag in Tansania wurde.

Ausgestossen von seinem Zuhause und weggerissen von seiner Erzeugerin, fand ich ihn, geschätzte drei bis vier Wochen alt. Ich sah in diesem Moment keinen anderen Weg als den kleinen Patienten nach Hause zu nehmen um sicher zu gehen, dass er die Nacht überlebt. Der nächste Tag brach an nach einer schlaflosen Nacht mit einem kleinen Wesen auf dem Arm, welches nach seiner Mutter rufte und dessen Verwirrung überhand gewann. Herzzerreissend und -erwärmend zu gleich, wie schnell er sich seiner neuen Umgebung anzunehmen versuchte. Bereits am zweiten Tag erkundete er sein vorübergehendes Zuhause und folgte mir auf Schritt und Tritt. Sogar ein ungestörter, ruhiger Moment im Badezimmer war ausgeschlossen!

Viele Tierarztbesuche folgten, viele schlaflose Nächte gefüllt mit Fütterungen und Liebe schenken, beherrschten mein Alltag. Tage und Wochen vergingen, unsere Bindung wurde stärker und entschied mich, dass er bei mir sein permanentes Zuhause gefunden hat. Eine Entscheidung, die ich mit voller Verantwortung fällen wollte und bis heute nicht bereue. Er begleitete mich zur Arbeit, zum Einkaufen, bei Spaziergängen am Fusse des Kilimanjaros, zum Feierabendbierchen und sogar in die Ferien an den indischen Ozean. Er eroberte mein Herz im Sturm.

Sein kämpferisches Herz und gleichzeitig liebervoller und lebendiger Charakter ergaben den Namen „Simba“ für ihn. „Simba“ bedeutet in Swahili Löwe.

Der kleine Löwe Simba wurde Teil einer Familie. Ein „ich“ ohne „ihn“ gabs nicht mehr. Zum Zeitpunkt unseres Umzugs in ein neues Zuhause im Februar 2017 war er bereits ein stattlicher und gesunder Hund, der es als seine Aufgabe sah, uns und sein Zuhause zu beschützen. Wenn auch immer jemand zu nahe an den Zaun kam, meldete er sich mit lauter greller Stimme und gab uns zu Verstehen, dass er die Lage im Griff hatte und jeden besiegen konnte. Er war ein kleiner Held. Klein wortwörtlich, sein Rist kam mir gerade mal bis zum Knie. Das Highlight seines Beschützerdaseins erlebten wir, als er fünf Strassenhunde, die uns attackierten, bei einem Spaziergang alleine in die Flucht geschlagen hatte. Aussen klein, innen riesig!

Ein Hund in Tansania hat nicht den Stand eines zu respektierenden Lebewesens. Hunde werden meist in kleinen Zwingern gehalten, tagelang ohne Wasser oder Futter. Sie werden geschlagen, an Bäume oder Motorräder gehängt, vergiftet oder erliegen anderen unwürdigen und langsamen Tode. Kleine Welpen wie Simba werden mit wenigen Wochen von der Mutter weggenommen und weggeworfen, da man keine Verwendung für sie hat. Schwerst traumatisiert verenden diese Welpen auf der Strasse, von Passanten zu Tode geprügelt oder überfahren.

Jeden Tag begegne ich mindestens einem verlorenen Wesen wie Simba es war, jeden Tag höre ich unerträgliches Winseln von Hunden in meiner Nachbarschaft. Nachts kommen alle diese verhaltensgestörten und kaputten Tiere auf die Strassen und attackieren vielleicht sogar Menschen. Für mich alles andere als erstaunlich.

Es ist verständlich und in Ordnung, dass viele Hunde in Tansania kein Leben haben können, wie das viele Hunde in der Schweiz geniessen dürfen. Tansania kämpft mit Armut. Menschen am Existenzminimum sind nicht gefragt, ihren Hunden einen Palast zu bauen und Pedigree zu füttern. Dafür verurteile ich nicht. Ich verurteile Respektlosigkeit gegenüber einem Lebewesen, das eine Seele besitzt. Eine Seele, die wie jedes Lebewesen Geborgenheit, Sicherheit und eine Priese Liebe braucht. Was hier oft geschieht ist absichtliches Zerstören kleiner Seelen, die nun wirklich keine Verantwortung für die Probleme der Menschheit zu tragen haben.

Simba erlag nach nur zwei Jahren dem Vergiftungstod. Vergiftet von Menschen, die bei meinen Nachbarn einbrachen und wohl bereits Tage zuvor merkten, dass Simba sich meldet, wenn er Schlechtes wittert. Er musste ausgeschaltet werden.

Früh morgens erwachte ich weil unser zweiter Hund ununterbrochen bellte. Ich war genervt, wer braucht sowas schon an einem Samstagmorgen nach einer anstrengenden Woche und einem Bierchen zu viel am Vorabend. Schlafgetrunken ging ich raus, schaute mich um, nichts war zu sehen. Ich fauchte ihn an still zu sein. Doch etwas war anders. Wo war Simba, wedelnd bis er fast das Gleichgewicht verlor und mit seinen Schmutzpfoten einmal mehr mein ursprünglich weisses T-Shit verunstaltend? Ärger und Müdigkeit waren auf einen Schlag weg, instinktiv wusste ich, dass etwas nicht war, wie es sein sollte. Es regnete aus Strömen, ich schnappte mir meine Schuhe und rannte raus, rufte seinen Namen. Simba war immer da wo ich war, da gab es keine Ausnahmen. An diesem Morgen passierte die Ausnahme. An diesem Morgen fand ich ihn röchelnd hinter dem Haus, im strömendem Regen, getränkt in Schlamm, unter dem Bananenbaum verkrochen um zu sterben. Ich rannte zurück ins Haus, schnappte das nächst beste Handtuch, wickelte ihn darin ein, legte ihn ins Auto und fuhr los zum Tierarzt. Dieses sterbende Wesen schaffte es dennoch mich die ganze Fahrt mit lieben Augen anzuschauen. Ich redete mit ihm, streichelte ihn, er wedelte mit letzter Kraft.

Drei Tage lang verbrachte ich beim Tierarzt, verzweifelt und gewillt alles zu tun, um ihn wieder auf die Beine zu bringen. Ich funktionierte, war aber getränkt mit Unglauben, was da gerade passierte. Sonntag wies mich der Tierarzt bereits darauf hin, dass dieser Heilungsprozess lange dauern kann, womöglich nicht erfolgreich sein wird. Sein Zustand war kritisch.

Montagmorgen früh fuhr ich wieder hin. Als ich die Box öffnete fiel er mir entgegen, zitternd und zu schwach sich auf den Beinen zu halten. Dennoch überrumpelte mich sein Lebenswille, er kämpfte. Er zeigte mir, dass er nicht aufgeben möchte. Stundenlang war ich da, er trank Milch aus meiner Hand und schaute mich mit seinen lieben Augen an. Mit guten Gefühlen und viel Hoffnung verliess ich nach Stunden die Klinik um mich zu Hause umzuziehen und ein paar Dinge zu erledigen. Die Welt drehte sich nun mal weiter.

Nur wenige Stunden später am Nachmittag fuhr ich wieder hin. Der Tierarzt kam mir entgegen und berichtete mir: keine Veränderung. Ich öffnete die Box, wieder fiel er mir entgegen, wedelte und schaute mich mit traurigen Augen an. Das erste mal sah ich diese Augen, nie zuvor sah ich diesen Ausdruck. Er legte den Kopf auf meine Beine und fing an zu weinen. Er weinte vor Schmerz und Verzweiflung. Um ihn erstmal zu beruhigen, bekam er Valium, welches sofort wirkte. Ruhig lag er da, Augen aber stehts geöffnet. Die Wirkungszeit des Valiums nutzte ich für den Abschied. Ein unerwarteter Abschied, ein besonders schwerer Abschied. Bis zum letzten Atemzug und Herzschlag war ich bei ihm, sprach zu ihm und hielt ihn fest in meinen Armen. Die letzte Spritze liess sein Herz schnell aufhören zu schlagen.

Simba ist eines von vielen Opfern unnötigen Tötens. Ein Irgendjemand, der sich den Konsequenzen seines Handelns nicht bewusst war und womöglich auch nie sein wird, tötete ein unschuldiges, gesundes, junges und lebensfrohes Familienmitglied, das mich noch viele Jahre begleiten sollte.

Noch Wochen später kreisten Gedanken bis hin zu Schuldgefühlen in meinem Kopf. Er hat mich schon Tage vorher informiert. Nächte vorher war ich genervt von seinem Bellen ohne zu wissen, dass seine Mörder bereits die Umgebung erkunden. Doch das alles hilft nichts: Böses kann nicht jeder nachvollziehen und vor allem auch nicht erkennen, wenn es sich leise anschleicht. Akzeptieren ist hier wohl das einzig Richtige, Verständnis dafür haben werde ich nie.

Ein Tod ohne Sinn, Unverständnis ohne Ende!

1 Kommentar zu „Dieser Tod ohne Sinn

  1. Avatar von Christine Zaccaria
    Christine Zaccaria 24. März 2018 — 15:29

    Liebe Keeoma
    😢😢ich bin sehr berührt über deine Geschichte von Simba….sooo truurig… doch immerhin hatte er 2 tolle Jahre mit dir erleben dürfen… danke für deine Geschichte👍🏽🙏🏽❤️

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