„Mist, immer das Gleiche!“

Wir alle kennen diese Szenen: Wecker klingelt zu früh Morgens, Versuch ihn zu ignorieren scheitert kläglich nach dem dritten Mal Schlummertaste drücken, beim Aufstehen den kleinen Zehen an der Bettkante anstossen, jammernd unter die Dusche humpeln, schlafgetrunken etwas zum anziehen krallen, Haare einigermassen sehenswert kämmen, den morgendlichen Kaffee oder Tee runterkippen (und sich beim besten Willen jedes Mal den Mund verbrennen) und zur Arbeit hetzen. Der Tag beginnt stressig und mit anschleichender schlechter Laune, eventuell hat auch noch der Bus Verspätung um den Anschlusszug pünktlich zu erwischen, das Auto will bei eisigen Temperaturen einfach nicht anspringen oder der Nachbar parkiert mal wieder so unmöglich, dass man selbst nicht ausparken kann. „Mist, immer das Gleiche!“

Angekommen am Arbeitsplatz wartet eine lange Pendenzenliste, jedoch konzentriert sich jeder Gedanke auf den kleinen Zehen, der immer noch höllisch schmerzt. „Jetzt ist es passiert. Dieses Mal habe ich ihn gebrochen. Bravo!“ schwirrt im Kopf rum und man nervt sich, dass man das Bett immer noch nicht an die Wand gerückt hat, um solche wiederkehrenden Dramen zu vermeiden. Es dauert nun mindestens eine Stunde bis man einigermassen bei Sinnen, vom Kleinen-Zehen-Drama weg und bei der Arbeit angekommen ist. Dann kommt der Hunger. Keine Zeit für Frühstück zu Hause und auch keine Zeit ein frisches Gipfeli beim Bäcker zu holen. Der unverschämte Arbeitskollege beisst zum Znüni genüsslich in sein noch warmes Gipfeli und man selbst begnügt sich mit einem uralten Müesliriegel, den man mit viel Glück zuunterst in der Schublade findet. „Mist, immer das Gleiche!“.

Wir alle kennen solche Tage. Wir alle mögen diese Tage nicht. Solange es nur bei einzelnen solchen Tagen bleiben würde, würden wir das nicht als problematisch beurteilen: Es kommt vor und kann als „Ich bin mit dem falschen Fuss aufgestanden“ abstempelt werden! Fünf Tage pro Woche, Montag bis Freitag „Mist, immer das Gleiche!“ bezeichne ich definitiv als massives Erschwernis von glücklich sein. Und der kleine Zehen heilt davon bestimmt auch nie.

Manchmal verharren wir in einem Alltag, der uns nicht zufriedenstellt. Wir verharren in nicht zufriedenstellenden Zuständen und sind überzeugt, nicht ausbrechen zu können ohne das ganze Leben umzukrempeln. Wir gehen manchmal so weit, dass wir darüber nachdenken, ob eine niemals endende Weltreise oder Auswandern diese Alltagsbeschwerden beseitigen können.  Dazu gibt es leider schlechte Neuigkeiten: Auch da kommt der altbekannte Alltag nach der abenteuerlichen Entdeckungszeit, auch da stösst man sich gelegentlich den kleinen Zehen an einer Bettkante, und auch da ist der Schmerz nicht geringer.

Ich bin der Überzeugung, dass bereits sehr kleine Veränderungen, die eine gewisse neue Herausforderung in den Alltag bringen, ganz Grosses für den Moment bewirken können. „Change is the only constant“ ist mein absolutes Lieblingszitat und ich versuche danach zu leben. Ohne Veränderung gibt es keine Bewegung, ohne Veränderung passiert nichts, ohne Veränderung bleiben wir stehen.

Ich habe vor Kurzem eine wunderbare Erfahrung gemacht, die mir dies einmal mehr bestätigt hat: Seit gut einem Jahr fahre ich jeden Tag an einer älteren Tansanierin vorbei, die an einer nahegelegenen Strassenecke Bananen verkauft. Jeden Tag sieht sie wunderschön aus in ihrem traditionellen tansanischen Kleid, ihrem faltigen, weisen Gesicht und besonders ihrem etwas zahnlosen, aber wunderschönen herzhaften Lächeln. Kürzlich also, auf dem Weg zur Arbeit habe ich das erste Mal angehalten mit der Absicht bei ihr Bananen zum Frühstück zu kaufen. Sie begrüsste mich herzlich und bat mich, mich zu ihr zu auf den Boden zu setzen. “Ich habe doch eigentlich keine Zeit, ich habe heute viel zu tun!”, dache ich mir. Doch dann kam mir plötzlich mein Lieblingszitat in den Sinn und ich nahm mir vor, dieses Mal nicht meinem durchgeplanten Tag stier zu folgen.  Was dann passierte war wundervoll. Diese wunderbare ältere Dame riss mich für eine ganze Stunde aus meinem Alltag, erzählte mir ihre Lebensgeschichte, geprägt von so vielen schweren Schicksalsschlägen, ohne sich auch nur ein einziges Mal zu beschweren. Ich erzählte ihr von meinem Leben, wir teilten unsere Gedanken und sind für eine Stunde in das Leben des anderen eingetaucht.

Meine Frage, ob es nicht ermüdend ist jeden Tag von Morgens bis Abends hier auf dem Boden zu sitzen und Bananen zu verkaufen, beantwortete sie mit einem Lächeln: “Ich habe stets nette Gesellschaft mit der ich mich über Gott und die Welt unterhalte. Jeden Tag öffnen sich mir neue Welten,  ich teile Erfahrungen und Erlebtes mit jungen Menschen wie dir, Einheimischen, Auswanderern, Touristen jedes Alters. Warum sollte es mir denn langweilig sein?”

Bewundernswert! Jeden Tag verlässt sie ihre Komfortzone und öffnet sich neuen Lebensgeschichten, Ansichten und Werten. Kein Tag ist für sie wie der andere und sie schätzt das Leben, das sie leben darf. Ich war gerührt vor ihren Worten und nahm so viel Wertschätzung mit aus diesem Gespräch. Vor lauter Reden hatte ich die Bananen vergessen und habe meiner Arbeitskollegin beim Verzehr eines frischen Chapati (eine Art tansanisches Fladenbrot) zugesehen und kein einziges Mal Missgunst verspürt oder ein “Mist, immer das Gleiche!” Ich verbrachte den Morgen mit knurrendem Magen, doch dafür mit einem Herz voller Wärme und einem Verstand voller Glück.

Hinterlasse einen Kommentar

search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close