Ein Leben geht, ein neues kommt

„Das kann doch kein Zufall sein, das ist Schicksal!“
– Aussage einer lieben Freundin

Zu diesem Zeitpunkt waren es knapp zwei Wochen her, seitdem mein Hund „Simba“ einer Vergiftung erlegen ist. Nach wie vor denke ich viel an ihn, er ist immer noch sehr präsent im Haus, im Garten, in unseren Herzen.

Es war ein ganz normaler Mittwoch. Gestartet hat er um 8.00 Uhr Morgens mit einer Tasse Tee und einem kleinen Frühstück aus Toast und einem etwas, dass sie in Tansania Butter nennen. Nach der kleinen ersten Stärkung des Tages setzte ich mich an die Arbeit und liess dem Tag damit seinen Lauf. Zum Mittagessen fuhr ich kurz in die Stadt unter anderem auch für ein kleines Meeting, was aber dann gerade weniger wichtig erschien. Man muss Prioritäten setzen. Food first. Nach etwa zwei Stunden kam ich nach Hause und wollte gerade mein Tor öffnen als ich unsere Nachbarskinder beobachtete wie sie mit einem kleinen Hund spielten, den ich in der Nachbarschaft noch nie gesehen hatte. Klein ist massiv übertrieben, winzig trifft es wohl eher. Geschätzte 4-5 Wochen alt war dieser kleine Kerl. Ich beobachtete die Szene einen Moment um zu sehen, was die Kinder mit dem Kleinen anstellten. Sie schienen allerdings ihren Spass zusammen zu haben. „Kinder, ist das euer Hund?“ – ruf ich mit bestimmter Stimme und schlechtem Swahili rüber. Ich bekam strahlende Kinderaugen und – lächeln zurück und eifriges Nicken. Na gut, dann sei dem wohl so. Dem Kerlchen habe ich noch kurz alles Gute gewünscht und ein hoffentlich langes und glückliches Leben.

Zuhause nahm dann der Abend genau so den Lauf wie der Morgen auch. Das frische Gemüse vom Markt wurde zu einer leckeren Tomaten/Gemüse Sauce mit Fleisch verwandelt und freudig verspeist. Das Gläschen Wein dazu liess mich gut und entspannt den Abend ausklingen lassen.

Es ging jedoch nicht gut und entspannt weiter. Als wir gerade mit dem Abwasch fertig waren und anfingen die Türen zu schliessen für die Nacht, hörten wir draussen ein unüberhörbares Schreien eines kleinen Welpen. Ich sage bewusst Schreien, es ging mir durch Mark und Bein. Ein verängstigtes und überfordertes Schreien nach Hilfe.

So, was nun?

Wir hatten zwei Optionen:
A: Nicht nur Türen, sondern auch Ohren und Augen schliessen
B: Türen, Ohren und Augen öffnen und draussen nachsehen was los ist

Wir wählten B, aus dem simplen Grund, weil schlafen für mich mit diesem verzweifelten Geschrei im Hintergrund schlicht nicht möglich gewesen wäre.

Der Kleine musste das Öffnen des Tors bereits in der ersten Sekunde wahr genommen haben, es dauerte wenige Sekunden sprang er mir förmlich in die Arme und versucht in meinen Pullover zu kriechen. Meine Wünsche am Nachmittag gingen wohl nicht in Erfüllung…

Und wieder wir hatten zwei Optionen:
A: Er ist nicht verletzt, also Milch rausstellen, Türen, Ohren und Augen zu und versuchen zu schlafen
B: Er ist zwar nicht verletzt, aber so verstört, dass er womöglich die Nacht nicht überleben wird. Somit: den Kleinen reinnehmen, füttern und ein Bettchen bereitstellen.

Der unerwartete Gast kam also nach erneuter Wahl von Option B, erstmal ins Haus. Der kleine Flohhaufen stank zum Himmel, schöner kann mans nicht ausdrücken. Nach ein paar Schlücken warmer Milch schlief er sofort in meinen Armen ein. Das nenn ich mal Erschöpfung.

Ich legte ihn in eine Box neben unser Bett, jedoch war ihm das bei Weitem nicht genug: Im 10-Minuten-Rhythmus wachte er auf und fing an zu weinen, als ob er jedes Mal von einem bösen Traum aufwachte. Nun gut, wer kann es ihm schon verübeln, sein Leben war ja zu diesem Zeitpunkt nicht gerade ausgelegt für schöne Träume. Somit zogen wir zusammen ins Gästezimmer, wo ich dann die längste und schlafloseste Nacht meines Lebens verbrachte: Der 10-Minuten-Rhythmus hielt an bis am Morgen inklusive einigen unangenehmen Durchfall-Zwischenfällen, seinerseits natürlich.

Die schlaflose Nacht zwang mich über vieles nachzudenken, natürlich auch über meinen kleinen Simba. Ich erinnerte mich an die Anfänge mit ihm, die ähnlich, nur ein bisschen stiller und ruhiger verlaufen sind. Plötzlich, im akuten Schlafmangel, dachte ich, was ist, wenn das kein Zufall ist. Ein Leben geht, ein neues kommt. Zufall, oder sollte ich mich wirklich nochmal intensiv mit meinem Verlust von Simba auseinandersetzen?

Unser kleiner unerwarteter Gast fand am nächsten Morgen einen Platz in einer Auffangstation für Hunde, ganz in der Nähe von uns. Bei einem Besuch einige Wochen später erkannte er mich sofort und ich bekam eine stürmische und irgendwie dankbare Begrüssung. Ich hätte ihn, bis auf seine markante Stimme, nicht mehr erkannt: Wohlgenährt, flohlos, wohlriechend, frech und verspielt! Von einem Tierwärter bekam er den stolzen Namen „Corporal“. Passt!

„Corporal“, wir wünschen dir ein langes und schönes Leben!

 

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