„Ich wünsche mir mehr Zeit.“
Kolumne Brienz Info Ausgabe Juli 2018
Passend zum Thema wird diese Kolumne auf dem Langstreckenflug von Zürich nach Dar es Salaam verfasst. Die Gedanken kreisen und die Emotionen sind frisch, beinahe wie die Mahlzeiten der „Swiss“, die wirklich nicht zu verachten sind…
Wie auch immer, seit mehr als drei Jahren wandere ich bereits zwischen den Kulturen: Ich lebe in Tansania, die Heimatgefühle aber erlebe ich in der Schweiz. Seit drei Jahren mache ich diesen Weg, Tansania – Schweiz oder Schweiz – Tansania bereits einige Male. Genau genommen ist dies mein elfter Flug auf dieser Strecke, was etwa 110 Flugstunden auf diesem Weg bedeuten. Pro Flug sind das zehn Stunden Zeit, sich wieder auf das andere Leben einzustellen. Zehn Stunden, um sich von dem Zurückgelassenen zu verabschieden. Gerade schaue ich runter aufs Mittelmeer, und denke mir einmal mehr was für ein unglaubliches Glück wir alle in diesem Flieger haben, diese luxuriöse Form des Reisens wählen zu dürfen. Ich verfolge den gezeichneten Flieger auf dem Bildschirm und schaue wie er sich auf der Weltkarte vorwärts bewegt. Noch nicht allzu lange ist es her, als man in zehn Stunden zu Fuss oder mit der Kutsche gerade mal die nächst gelegenen Stadt erreichte. Aber kann unser Geist überhaupt so schnell mit dem Körper mitreisen? 7’000 Kilometer lege ich in dieser kurzen Zeit zurück, habe aber das Gefühl, dass mein Geist noch einige Zeit in der Schweiz weilen wird und etwas mehr Zeit braucht, wieder in die komplett andere Welt einzutauchen.
Ich schaue mich um und sehe Menschen aus den verschiedensten Orten der Welt, Alter noch viel unterschiedlicher. Vom lieblich schnarchenden Kleinkind bis hin zur zahnlosen Oma, die sich über die weichen Kartoffelpuffer freut, ist alles vorhanden. Sie alle reisen nach Dar es Salaam, sie alle machen diesen Weg aus verschiedensten Gründen. Manche machen zwei Wochen sportliche Ferien oder das schnelle Geschäft. Einige besuchen ihre Familie und andere gehen nach Hause, so wie ich. Das einzige, was uns verbindet ist der heutige Flug in eine andere Welt und der muss wohl möglichst schnell vorüber sein.
Dass wir uns in einer sehr schnelllebenden Gesellschaft bewegen ist kein Geheimnis und auch nichts Neues. Nichts kann mehr schnell genug gehen, bis hin zur emotional unangenehme Phase wollen wir alles abkürzen oder im besten Fall gleich ganz abschaffen. Plötzlich entdecke ich müde, etwas genervte Gesichter in den Sitzreihen. „Geht das aber lange heute!“, „Ich wünschte wir wären schon da!“, „Stand mal ufs Gas, Herr Kapitän!“, drückt sich in den Gesichtern aus. Bei mir macht sich gerade etwas das gegenteilige Gefühl breit, ich nutze die Zeit für etwas Reflektion der vergangenen Wochen und versuche, meinen Weg zum Ziel somit zu geniessen. Und nein danke, ich will auch nicht das CHF 9.00 WIFI Packet der „Swiss“. Ich finde es schon gruslig genug, 11’000 Meter über dem Boden durch die Luft zu donnern, dann brauche ich nicht noch Internet dabei. Es würde die totale Reizüberflutung bedeuten, wenn ich dann per Zufall lese was momentan im Südsudan passiert, wo in dem Moment mein glücklicher Hintern in sicherer Distanz drüber fliegt.
Ob das Abschied nehmen und neu starten einfacher wird? Nein. Leider nicht. Die ersten Male waren zu aufregend, sodass ich gar keinen emotionale Raum hatte in der Schweiz so richtig einzutauchen für diese kurzen Zeiten. Inzwischen, als älterer Hase im „Leben in zwei verschiedenen Kulturen“, sieht man die Dinge tatsächlich etwas anders: Man braucht mehr Zeit. Viel mehr Zeit.
Für Sie, liebe Leserin und lieber Leser, wünsche ich mir auch mehr Zeit. Viel mehr Zeit.
„Die Zeit vergeht nicht schneller als früher, aber wir laufen eiliger an ihr vorbei“.
