Herausforderungen im Leben einer „Mzungu“ in Moshi

Ein Expat-Leben in Tansania – klingt wunderbar…

18155878_10211929806976855_6209202924218102785_o… und das ist es grundsätzlich auch: die atemberaubende Natur, die gastfreundlichen und hilfsbereiten Tansanierinnen und Tansanier, frisches Gemüse und Obst auf dem lokalen Markt. Fast jeden Tag warme Sonnenstrahlen, die einem ins Gesicht scheinen und trotzdem ab und an ein paar Regengüsse, die den Staub für eine Weile verschwinden lassen und die Luft angenehm abkühlen. Zirpende Grillen wiegen in den Schlaf und die zwitschernden Vögel am Morgen lassen angenehm aufwachen und in den Tag starten.

Wie überall auf dieser Welt gibt es aber auch hier Alltagsbeschwerden und -hinternisse, die ich aus den Augen einer „Mzungu“ beschreiben kann. „Mzungu“ ist das Wort, das Einheimische benutzen, um eine Person mit weisser Hautfarbe zu beschreiben und/oder sie zu rufen. Das Wort „Mzungu“ hat grundsätzlich kein rassistischer Hintergedanke: Bereits als die ersten „Weisshäutigen“ das Land betraten, suchten Einheimische eine Beschreibung für diese unbekannten Kreaturen. Grundsätzlich heisst das so viel wie „schwindliger Reisender“, „verwirrter Reisende“, natürlich betont auf die weisse Hautfarbe. Da dazumal die ersten „Weisshäutigen“, die den afrikanischen Kontinent betraten, bestimmt unsicher waren und suchend, finde ich diese Beschreibung gar nicht mal so unpassend. Irgendwie auch ein bisschen lustig.

Wo auch immer man hingeht in Tansania, man begegnet diesem Wort überall. Ob irgendwo auf der Strasse, auf dem Markt, in Shops oder simpel in „wo auch immer du dich befindest“: die Tansanier lieben dieses Wort. Auch wenn sie deinen Namen kennen, bevorzugen sie teilweise diese Benennung. Ich begegnete Kleinkindern, die noch kaum ein Wort fehlerfrei aussprechen können, aber „Mzungu“ geht wie Butter über die Lippen.

Das Wort „Mzungu“ hinterlässt bei mir ein unangenehmes Gefühl. Ich fühle mich als Fremdkörper aber zugleich geben sie mir auf eine perfide Art auch das Gefühl etwas „Besseres“ zu sein. Die „Mzungu“ wird meist bei riesigen Menschenmengen auf der Bank oder einem Amt nach vorne gerufen, damit sie nicht lange anstehen muss. Ultrapeinlich! Und ja, ist mir schon oft passiert. Auf der anderen Seite hat eine „Mzungu“ immer Geld und eine „Mzungu“ bezahlt das Doppelte auf dem Gemüsemarkt und lässt womöglich noch etwas Trinkgeld da. Mit einer „Mzungu“ will fast jeder befreundet sein, da sie bestimmt jede Runde in der Bar übernimmt und womöglich auch noch die Schulgebühren für die Tochter. Plagt uns da etwa ein schlechte Gewissen? Warum tun wir das?

Endlos viele „Weisshäutige“ retten hier die Welt. Oder ja, sie glauben es jedenfalls zu tun. Sie gründen NGO’s, bezahlen das Doppelte auf dem Markt und übernehmen die Schulgebühren von Nachbars Tochter. Und es gibt ihnen häufig das Gefühl etwas Besseres zu sein. Es gibt ihnen das Gefühl, über anderen zu stehen und sich das Recht nehmen zu können, über das Schicksal anderer zu entscheiden. Eines der extremsten Beispiele von vielen, das mir bisher begegnet ist, war die Beschreibung eines kleinen Mädchens in einer Facebook Gruppe von Expats und der darin umschriebene Aufruf der Autorin, ob denn jemand dieses Kind adoptieren kann, da es sich in sehr schwierigen Lebensverhältnissen befindet und die Familie nicht in der Lage ist, sich „anständig“ um sie zu kümmern. Ich musste es mindestens dreimal durchlesen um zu realisieren, das dies tatsächlich passiert, und das im 21. Jahrhundert. Diese junge Dame, die das gepostet hat, sich womöglich gerade mal zwei Monate in diesem Land befindet und bestimmt keine Ahnung über die genauen familiären Herausforderungen dieses Mädchens hat, nahm sich das Recht heraus über ein Schicksal zu bestimmen. Social Media, eine Facebook Gruppe, wo unter anderem Gartenmöbel und Küchengeräte verkauft werden, nach tollen Freizeitaktivitäten gefragt wird, oder kleine Hunde zum verschenken gezeigt werden, als Adoptionsplattform zu nutzen, ist für mich schlicht nicht mehr einzuordnen. In was für einer Welt leben wir? Würde diese junge Dame das in ihrem Heimatland etwa auch machen? Würde sie da Nachbars Tochter, die sie vielleicht einmal hat streiten hören mit ihrem Vater, auch gleich auf Facebook zur Adoption freigeben? Gemeinden in Tansania haben übrigens alle auch Sozialämter, und die sind gar nicht mal so daneben. Auch hier gelten Regeln.

Ich rede dauernd von „Weisshäutigen“, ich bin übrigens auch eine! Obwohl ich echt hart an etwas mehr Bräune arbeite. Naja, man kann eben nicht alles haben. Wie auch immer. Abgeschweift.

11825713_10206519004990187_4035518960613293026_nWisst ihr was ich tue auf dem Gemüsemarkt? Ich frage den Verkäufer freundlich und mit einem Lächeln im Gesicht (das inzwischen auch echt so gemeint ist) warum ich mehr bezahlen sollte als der stärker Pigmentierte, der sich gerade hemmungslos vorgedrängelt hat vor zwei Minuten. Verrät mich meine weisse Hautfarbe etwa, dass ich Geld habe? Der Vordrängler von vorhin trug teure Markenschuhe und wurde nicht übers Ohr gehauen. Ha, es muss also an der Hautfarbe liegen… und dem Klischee, dass alle „Weisshäutigen“ einfach so viel Geld haben, dass sie ganz unbeschwert damit um sich werfen können. Besonders auf dem Gemüsemarkt. Was für ein lustiges Bild!

Wisst ihr was ich dem Nachbarn geantwortet habe auf seine Sponsoringanfrage für seine Tochter? Ich habe mir fünf Minuten Zeit genommen und mich mit ihm hingesetzt. Ich erklärte ihm, warum ich persönlich finde dass Einzelsponsoring überhaupt nichts nachhaltiges ist und seine Tochter nicht auf das Erwachsenenleben vorbereiten wird und dass ich das somit nicht in Betracht ziehe. Ich habe ihm von Programmen der Regierung erzählt, die auch finanziell unterstützen. Natürlich solange die Leistung der Schülerin oder des Schülers stimmt, aber ist das nicht auch im guten alten Westen so? Diese fünf Minuten meines Lebens können nachhaltiger sein als das Geld für seine Tochter, das schlimmstenfalls nicht mal in die Schulgebühren fliesst…

…was ich in der Bar gesagt habe, will ich jetzt hier nicht zwingend erläutern…

Es hat lange Zeit gebraucht und viele unangenehme Momente, bis ich eine gewisse Stärke und Selbstvertrauen gewonnen habe, mich diesen Alltagsgeschichten zu stellen und dennoch würde ich noch heute manchmal am liebsten im Boden versinken. Es gibt Momente, da fühle ich mich als „Weisshäutige“ fehl am Platz, manchmal sogar unter Expats. Es gibt Momente, da schäme ich mich für meine Hautfarbe.

Ein endloses Thema, das ich bestimmt wieder aufgreifen werde. Jetzt muss ich erstmal in die Stadt zum Gemüseverkäufer meines Vertrauens, der mich nur jede zweite Woche übers Ohr hauen will. Ich Glückspilz!

 

 

 

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