Voluntourism in Tansania – Entwicklungshinderung?

Kolumne Brienz Info Ausgabe Oktober 2016

Voluntourism. Ein Wort mit einem sarkastischen Nachgeschmack

13344776_10208739030609440_4220852230464804584_n

Für mich stellt es die „Kühnheit“ eines jeden weissen, gut situierten Menschen dar, der sich bereiterklärt armen Kindern in einemDrittweltland zu helfen und somit indirekt die Welt zu retten. Anderseits stellt es für mich den Egoismus dar, sich dann doch lieber, nachdem das Kindlein aufgehört hat zu weinen, seinen eigenen Bedürfnissen zu widmen: Eine Safari, den Kilimanjaro besteigen und zu guter Letzt Sansibar mit vielen verrückten Partynächten im geschlossenen Hotel Resort. Vom geschlossenen Hotel Resort direkt mit dem überteuerten Taxi Richtung Flughafen und zurück in die wohlbehütete Heimat. Aufenthalt als Freiwilliger: Check!

Heutzutage gehört es zum guten Ton irgendwann im Leben eine solche „Erfahrung“ gemacht zu haben. Es ist durchaus möglich einige Wochen in einem Land zu leben, und rein gar nichts von der Kultur und den Einheimischen wahrzunehmen. Dieser unendliche Konsum, der unsere Gesellschaft aufs Tiefste prägt wird einmal mehr an denjenigen ausgelebt, die bereits unter unserer Konsumgesellschaft leiden. Das Bild des reichen „Weissen“ der nach Tansania kommt, viel Geld ausgibt und somit viel Geld besitzt, ist nicht aus der Luft gegriffen und verfälscht das Bild für viele Einheimischer.

Kürzlich hatte ich eine Konversation mit einem Mädchen in Moshi. Sie bat mich bereits einige Male um Geld. Ich war enttäuscht, so sehr auf meine Hautfarbe reduziert zu  werden, versuchte es zu ignorieren, habe mir aber meine Gedanken darüber gemacht: Woher kommt die Idee, mich so selbstverständlich um Geld zu bitten? Als es erneut vorkam, habe ich sie gebeten mit mir auf die nahegelegene Treppe eines Hauseingangs zu sitzen und ich versuchte ihr zu erklären, dass nicht automatisch jeder mit heller Hautfarbe viel Geld besitzt. Es stellte sich heraus, dass ihre Mutter sie
beauftragt, „Weisse“ nach Geld zu fragen. Ich befürchte, sie hatte bereits Erfolg damit. Wie kann ein kühner „Weisser“, der sich nicht mit solchen Situationen in diesem Land auseinandersetzt und möglicherweise nicht genügend Wissen von der Organisation erhält, diesen süssen Kulleraugen auch widerstehen? Nach dem Zustecken des Geldes ein nettes Selfie, Karma genährt und Mutter in ihrer Vorstellung komplett bestätigt.

Beim Thema „Volunteering“ will ich aber auch anmerken, dass besonders kleine, lokale
Organisationen auf Freiwillige angewiesen sind. Natürlich ist für mich die Sicht von diesen Organisationen durchaus nachvollziehbar: Freiwillige aus westlichen Ländern bringen Unterstützung mit Geld und Freiwilligenarbeit, und das Marketing wird ohne Aufwand und Kosten angekurbelt. Meine Kritik geht an die grossen, westlichen Organisationen: Freiwillige aus westlichen Ländern zahlen viel Geld, um in einigen Wochen, ja manchmal sogar nur einigen Tagen, „die Welt zu retten“. Von diesen hohen Beträgen gelangt wenig bis gar nichts direkt zu Bedürftigen, was die ganze Realität noch viel trauriger macht. Dazu kommt, dass ein ständiger Wechsel von Vertrauenspersonen das Umfeld eines Kindes aus bereits schweren Familienverhältnissen ohne Vertrauensbasis nicht positiv prägt.

Das Thema Freiwilligenarbeit wird kritischer angesehen, was ich als durchaus wichtig empfinde. Leider hat es in vielen Fällen nichts mehr mit Entwicklungshilfe zu tun sondern sogar mit Entwicklungshinderung. Alles zu Gunsten einiger Weniger, die sich sonst schon so vieles im Leben leisten können und zu Ungunsten Vieler, die nichts im Leben besitzen und durchaus auf nachhaltige Hilfe angewiesen sind. Verkehrte Welt!

Hinterlasse einen Kommentar

search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close