Wandern zwischen den Kulturen

Kolumne Brienz Info Ausgabe Juli 2019

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… und warum es so wunderbar ist!

Nachts ruhige, lichtdurchflutete Gässli in gewohnt gemütlicher Stimmung in Unterseen oder eine belebte, dunkle Schotterstrasse in Moshi, gefüllt mit leicht lallenden Männerstimmen und dem Klang von aufeinanderprallenden Billardkugeln?

Eine schnelle Erledigung in der Schweizer Bank dank übereffizientem Schalterpersonal oder ein dreistündiger Aufenthalt in der Wartehalle einer Tansanischen Bank aus dem simplen Grund, weil sich die Schweizer Vorzeigebürgerin vordrängeln nicht gewohnt ist?

Schnell den Grosseinkauf am Samstag im überfüllten Schweizer Supermarkt hinter sich bringen oder gemütlich über den lokalen Markt schlendern und die einmalig frischen Düfte und bunten Farben geniessen?

Die Supermarkt Kassiererin anschweigen oder fünfzehn Minuten über den Preis eines Kilo Rüebli fachsimpeln?

Zwei Kulturen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

So herausfordernd das Leben zwischen zwei Kulturen sein mag, hat es etwas ganz Besonderes. Die Möglichkeit eine andere Lebensweise kennenzulernen oder diese sogar leben zu dürfen, ist ein grosses Privileg.

Tansania liegt im Südosten Afrikas, tausende von Kilometern von der Schweiz, im Herzen Europas, entfernt. Die letzten vier Jahre „Wandern“ zwischen den beiden Ländern hat mir in vielen Belangen die Augen geöffnet und Sichtweisen verändert. Es hat Erkenntnisse verknüpft und zu neuen Weltansichten geformt.

Einige machen sehr traurig, andere zufrieden. Manchmal ruft es den AHA-Effekt hervor und man ist erleichtert, dass man etwas endlich verstehen und nachvollziehen kann. Das formt den eigenen Charakter und es gibt die grossartigen Momente in denen man erkennt, an Stärke gewonnen zu haben, überzeugter und selbstsicherer geworden zu sein.

Eine Auflistung aller markanter Unterschiede der beiden Kulturen würde wohl ein Buch füllen können. Eines meiner liebsten Beispiele ist die Definition von Zeit. Ich finde dieses Beispiel zeigt in beiden Kulturkreisen Vor- und Nachteile. Deshalb erwähne ich es am liebsten.

Zeit in Tansania ist nicht massgebend. Zeit ist nicht wichtig. Eine fünfzehnminütige Diskussion über den Preis von einem Kilo Rüebli ist keine Zeitverschwendung, wie es der Schweizer Bürger eventuell nennen würden. Es ist wichtig sicherzugehen, dass beide Parteien mit dem Handel einverstanden sind. Zeit ist aber auch nicht wichtig bei einer Verabredung, was hier und da tatsächlich etwas ärgerlich sein kann. „Ich gehe zum Shop nebenan eine Soda kaufen, komme gleich wieder“ dauert nicht zehn Minuten. Das dauert irgendetwas zwischen zehn Minuten und drei Stunden. Da kann schon mal ein liebevoll angerichtetes Abendessen kalt werden…

Zeit in der Schweiz ist massgebend. Zeit ist wichtig. Ein Grosseinkauf am Samstag im Supermarkt muss zügig passieren. Es ist furchtbar ärgerlich, wenn der Kunde an der Kasse um Himmelsgottswillen die blöden Rüebli nicht gewogen hat und damit die Kasse blockiert. Als wäre das nicht genug: Nachdem die Kassiererin völlig ausser Atem vom Rennen zur Waage und zurück wieder an ihrem Arbeitsplatz sitzt, löst der unverschämte Kunde auch noch sämtliche Rabattbons vom gesamten Jahr 2018 auf einmal ein, was nochmal zwei Minuten des kostbaren freien Samstagnachmittags wegfrisst. Frustrierend!

Zeit ernst zu nehmen hat aber auch seine Vorteile: Bei einer zweiminütigen Verspätung zu einer Verabredung schreiben wir bereits eine Nachricht, um über die zwei Minuten Verspätung zu informieren. Das reicht dann womöglich nicht mal, das Abendessen noch liebevoll anzurichten…

Zwei Kulturen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Zwei Kulturen, die viel voneinander lernen können.

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