Die 21 Tage ohne Schimpfen Challenge – meine Erfahrungen

Anfang Oktober habe ich mich einer spannenden Herausforderung gestellt:
Der 21 Tage ohne Schimpfen-Challenge. 

Momentchen mal. Nicht zu schimpfen ist eine Herausforderung? 

Jawohl. Oftmals merken wir es gar nicht, denn Schimpfen kommt in verschiedenen Formen: zum Beispiel laut, mit dem Zeigefinger von oben herab oder mit unzufriedenen Kommentaren von der Seite. Alles von ganz tief unten. Und zwar von uns selbst. 

Aber erstmal von vorne. 

Bevor ich die Challenge startete habe ich mich darauf vorbereitet. Ich habe das Buch, welches mich dazu inspirierte “21 Tage ohne Schimpfen” von Nicola Schmidt von Anfang bis Schluss durchgelesen und mir dazu den Teil, der für mich wichtig war, notiert. Ich habe mir verschiedene Strategien überlegt, welche mir helfen könnten, das Schimpfen mit meiner Tochter ein für alle mal zu unterlassen.

Soweit so gut. 

Lasset die Spiele beginnen. 

Die ersten Tage waren wunderbar. Ich war top motiviert, nichts konnte mich aus der Ruhe bringen. Bereits nach diesen ersten Tagen hatte ich eine für mich sehr schöne Erkenntnis gewonnen: Ich schimpfe kaum mit meiner Tochter. Wenn immer möglich lasse ich ihr Raum mit Toleranz und markiere dennoch Grenzen. Kurz dachte ich, ich sei die perfekte Mutti. Höhö.

Trotz guter Vorbereitung und viel Motivation kam Tag 8, der Supergau. Wir haben uns dermassen grob in die Haare gekriegt, dass ich kurzerhand zum Hausdrachen mutierte. Es war furchtbar. Nach wunderbaren sieben Tagen Frieden hat das ganz schön reingehauen. Danach habe ich mich in Grund und Boden geschämt.

Ich will das doch eigentlich gar nicht. Es passierte einfach mit mir.

Auf Tag 8 folgte eine schlaflose Nacht und damit viel Zeit, über das Geschehene nachzudenken. 

Was genau war anders an diesem Tag 8? Und.. wie ging es mir selbst? 

Mein Zustand an besagtem Tag war nicht rekordverdächtig. Es ging mir nicht gut, ich war gestresst mit einem Hirni voller Pendenzen, die sich häuften und dadurch war ich unzufrieden mit mir selbst, dass ich es nicht schaffe, die abzuarbeiten. Ich hatte ein Nervenkostüm dünner als ein America’s next topmodel. Offensichtlich hat meine Tochter mein dünnes Nervenkostüm bemerkt, bevor ich es realisieren konnte.

Wie ein geschlagener Hund wagte ich mich am nächsten Tag aufs Neue an die Challenge. 

Ein neuer Versuch 

Die ersten acht Tage waren gut. 

Tag 9 ein neuer Supergau inkl. Schlüsselerlebnis. Rafiki der Stoffaffe hat uns auf einen Abendspaziergang am Seeufer entlang begleitet. Wie auch sie wurde Rafiki müde, hat sich in den Augen gerieben und ordentlich gegähnt. Plötzlich hatte der kleine Fratz doch tatsächlich einen Wutanfall (natürlich von mir gespielt… soweit ist die Technik doch noch nicht). Ihre Reaktion darauf hat mich dermassen schockiert, dass mir der kleine Racker fast in den See gefallen wäre: “Hööör jetzt uuuf”, schrie sie ihn aus voller Lunge an. Ich war baff. Ja, ich gebe zu, dass ich manchmal mit topmodel Nervenkostüm auch wütend wurde, wenn sie einen ihrer berühmten Anfälle durchlebt. Jedoch hätte ich nie erwartet, dass sie meine nicht vorbildhaften Reaktionen darauf so stark registriert hat. Ich versuchte dann so pädagogisch wertvoll wie möglich aus der Situation rauszukommen. Rafiki war mir dabei eine grosse Hilfe. Danke an dieser Stelle an den tollsten Stoffaffen der Welt!

Bei gereizter Abendbrot-Stimmung kam nach einer handvoll Reis eine Banane in meine Richtung geflogen. Feierabend, ich hatte genug. Gestresst und komplett erschöpft konnte ich mich nicht mehr zurückhalten und reagierte etwa so, wie sie auf den armen Rafiki reagiert hat beim Abendspaziergang. Lautstärke viel zu hoch, Emotionen übergekocht. Ich war nicht mehr zu bremsen. Danach überwältigte mich wiederum grosse Scham gefolgt von einer weiteren schlaflosen Nacht.

Das Schlüsselerlebnis 

Ich wage zu behaupten, dass dieser Tag mein Schlüsselerlebnis war. Anstatt zu realisieren, dass sie von meinem Zustand (der absolut nichts mit ihr zu tun hatte) einfach komplett verunsichert war, habe ich ihr den “du bist so ignorant”-Stempel aufgedrückt und sie zu meiner Feindin erklärt. Ein zweieinhalb Jahre altes Kind. Bravo Mutti. Wie erwachsen bist du denn.

Ab diesem Tage konnte ich die Challenge durchziehen. 21 Tage ohne zu schimpfen. Mit viel mehr Selbstreflexion.

Mein Fazit – schaut bei euch selbst hin! 

Liebe Eltern da draussen. Der Alltag mit Kindern ist streng. Furchtbar streng. Die Emotionen können im Minutentakt von himmelhochjauchzend bis hin zu komplett überfordert und ausgelaugt wechseln. Elternsein macht viel mit uns. Es rüttelt an den Erinnerungen unserer eigenen Kindheit und bringt Werte hervor, die im Oberstübli schon verstaubt waren. Zusätzlich wollen wir es noch perfekt machen und uns keine Fehler erlauben. Da ist es verständlich, dass wir an unsere Grenzen kommen. Dass wir unseren Frust jedoch nicht an den Kindern auslassen sollten, ist wohl selbsterklärend. Dieser Frust äussert sich mit Schimpfen. Unsere kleinen Schützlinge sind nicht für unsere Anstrengungen verantwortlich. Die machen wir uns selbst.

Mein Fazit aus dieser Challenge ist somit ganz einfach:

Wenn es mir nicht gut geht, ist das für sie bedrohlich. Für sie ist es überlebenswichtig, dass ich bei mir selbst bin und damit aufmerksam. Sonst kann ich sie nicht beschützen. Sie will mich spüren können. Damit spiegelt sie mich. Gnadenlos ehrlich.

Ein zweieinhalb Jahre altes Kind für meine Reaktionen verantwortlich zu machen ist definitiv fehl am Platz. Klar, die kleinen Bananenwerfer bringen uns manchmal zur Weissglut. Es ist aber kaum der einzige Grund, warum wir die Banane zurückschleudern möchten. Es lohnt sich also, genauer bei uns selbst hinzuschauen.

Und… ist es denn nachhaltig?

Diese Challenge hat mich definitiv nachhaltig geprägt. Damit möchte ich nicht behaupten, dass ich nun die perfekte Super-Mutti bin. Natürlich kochen Emotionen mal über. Was sich aber etabliert hat, ist eine raschere Selbstreflexion. Ich entwarne damit die Situation für mich selbst und erkläre sie zu meiner schutzsuchenden Freundin, und nicht zum Staatsfeind Nr. 1.

Folgendes habe ich für mich verinnerlicht:

  • Mein Kind ist nicht mein Feind. Sie hat keine bösen Absichten.
  • Ich bin der erwachsenere Teil unsere Beziehung und gehe mit gutem Beispiel voran.
  • Ich nehme ihre Bedürfnisse ernst.
  • Wir sind gleichwürdig.

In Momenten des baldigen Überkochens hilft es mir, ihre anstrengenden oder nervigen Eigenschaften für mich ins positive umzuwandeln. So zum Beispiel:

AGH, sie ist so laut! = Damit macht sich hör-/sichtbar. Das ist wichtig!
AGH, sie will immer etwas anderes = Sie lernt gerade ihr Bedürnisse mitzuteilen, lass sie ausprobieren.
Doppel AGH, sie will diesen Pulli umsverrecken nicht anziehen = Sie möchte mitbestimmen. Komm Kind, such dir deinen Pulli mal selbst aus.
etc…

Meine persönlichen Tipps für die Challenge

Ich kann diese Selbstreflexionsübung wirklich jederfrau und jedermann empfehlen. Meine Tipps dazu:

  • Tagebuch führen und das eigene Befinden einbinden. Das hilft im Nachgang besser zu reflektieren.
  • Die Schimpfis-Tage nicht ignorieren. Ehrlich sein mit sich selbst und die Challenge nochmal bei Tag 1 beginnen. WARNUNG: Es könnte zu schlaflosen Nächten kommen. Die lohnen sich aber.
  • Eine Prise Humor und Selbstironie in der ganzen Sache tun gut. Fliegende Bananen haben auch etwas Witziges…
  • Freude haben daran! Es soll keine todernste Angelegenheit sein sondern eine Gelegenheit zur Veränderung, die beiden Parteien gut tut und die Beziehung stärkt.

Leben mit weniger Scham

Schimpfen löst bei mir Unwohlsein bis hin zu Scham aus. Das höre ich auch oft von anderen Eltern. Ich empfinde es als eine Art Macht ausüben, die ich in der Begleitung meiner Tochter definitiv unterlassen will. Sie soll sich gleichwürdig fühlt. Ich darf also sagen, dass ich mich seit diesen Selbsterkenntnissen und Massnahmen viel wohler fühle im Alltag mit ihr.

Liebe Eltern, lasset die Bananen fliegen und den Pulli drei Mal umziehen… es geht alles vorbei!

Und falls ihr Lust auf einen Austausch über fliegendes Essen und Schrankleichen habt, schreibt mir!

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