Vom “stuure Gring” und “beleidigte Läberwürschtli”

Wie wir Konflikte positiver betrachten und konstruktiver lösen können

Hast Du dich schon einmal gefragt, welche positiven Aspekte Konflikte haben? 
Nein? 
Ich auch nicht.  

Bis zu dem Punkt, an dem ich realisierte, wie sehr sie doch Teil unseres gesellschaftlichen Lebens sind. Das löste in mir die Frage aus, warum wir sie dennoch so gerne verdrängen. Und wie können wir sie konstruktiver lösen und mit mehr Liebe im Herzen weiterleben? Durch viel Selbstklärung durfte ich erfahren, wie bereichernd ein gesunder Umgang mit ihnen für die eigene Persönlichkeit ist. 

Die Verwandlung vom Problem zum Konflikt

Oftmals beginnt alles mit einem banalen Alltagsproblem. Wir fangen an uns zu streiten. Dabei sitzt jeder unter seiner eigenen Glasglocke mit eigener Weltsicht. Keiner interessiert sich mehr für die Sicht des anderen, denn sie ist in diesem Moment sowieso falsch. 

„Wofür hält der sich eigentlich?“, fragen wir uns.

Und schwupps sind sie da, die einnehmenden negativen Emotionen. Der langjährige Kumpel mutiert zum ignoranten Volldeppen. Die bisher nette Dame von nebenan wird zur anstrengenden Quasselstrippe. Der Partner verwandelt sich in einen empathielosen Mitbewohner. 

Vielleicht versuchen wir noch verzweifelt eine Verbündete oder einen Verbündeten unter die eigene Glasglocke zu zerren. 

„Gäll, das ist doch total daneben!“, werfen wir jetzt ungefiltert in die Gspändli-Runde. 

Wir distanzieren uns und umgehen die neutrale Konfrontation, weil die bis dato unmöglich erscheint. So sehr haben sich die negativen Emotionen gegenüber diesem Mitmenschen in unsere Gedanken und Gefühlen eingenistet. Die Kommunikationswissenschaft hat erwiesen, dass die Gefühls- und Beziehungsebene flotte 80% Einfluss auf eine gelungene Unterhaltung haben. Wenn die negativen Emotionen gegenüber unserem Gesprächspartner Überhand nehmen, verabschiedet sich damit eine gelungene Kommunikation ins Nirvana. Wie soll es unter diesen Umständen möglich sein, einen Konflikt konstruktiv zu lösen? Richtig. Es ist eine mission impossible. 

Mama ist eine Superheldin. “Es liegt ihr halt im Blut.” 

Ein Beispiel.

Mama kümmert sich um die Kinder. Mama arbeitet. Mama schmeisst den Haushalt. Mama organisiert. Mama plant. Mama beweist ihre Superkräfte jeden Tag aufs Neue. 

Mama ist eine Superheldin. Papa findet das übrigens auch: “Es liegt ihr halt im Blut.”

Die Zeit vergeht und der Alltag nimmt seinen Lauf. Mama macht Papa ab und an auf kleine to-dos aufmerksam. Die nimmt er zur Kenntnis und gelegentlich erledigt er diese auch. Eines Abends nach einem anstrengenden Tag aber flippt Mama aus.   

“Wie oft soll ich es denn noch sagen? Der Geschirrspüler räumt sich nicht von selbst aus! Und ausserdem könntest DU auch mal den Spülglanz besorgen. DU siehst ja, dass er leer ist!”

Er ist verärgert: “Bist DU aber ein Miesepeter! Was ist DIR denn schon wieder über die Leber gelaufen?”

Sie ist schon den Tränen nahe: “DU bist mir über die Leber gelaufen! Der Spülglanz ist schon seit Tagen leer!”

Er, noch mehr verärgert: “Bist DU aber dramatisch! Wegen jeder Kleinigkeit musst DU gleich ein Fass aufmachen.”

Zutiefst beleidigt verlässt sie die Küche. Ihn lässt sie verärgerten und zugleich etwas verdutzt neben dem piependen Geschirrspüler stehen. 

Die Nerven liegen blank und im Stress reagieren wir Menschen seit Millionen von Jahren gleich: Mit Angriff oder Flucht. Der Katastrophenalarm wird ausgelöst und der Verstand wird ab jetzt nur noch vom Bauch kontrolliert. Sie findet ihn ignorant und empathielos und auch bei ihm schleichen sich negative Emotionen ein: Sie ist überheblich und bestimmend. 

Die leidige Schuldfrage 

Die Frage nach dem Schuldigen ist oftmals das Erste, wonach wir vehement eine Antwort suchen. Doch die Suche nach dem Schuldigen ist kontraproduktiv. Wir zeigen mit dem Finger auf unser Gegenüber. Sie unterstellt ihm eine böse Absicht „DU siehst doch, dass der Spülglanz leer ist“ und er fühlt sich damit ungerecht behandelt. Im schlimmsten Fall reagiert er mit Angriff oder Flucht. Die totale Eskalation ist damit vorprogrammiert. 

Was sind meine Bedürfnisse? Die Selbstklärung zeigt’s! 

Sie hat die Flucht ergriffen. Während dem sie sich die Beine vertritt, denkt sie über das soeben Passierte nach. Die negativen Emotionen, die gegenüber ihrem Partner aufkommen, mag sie nicht. Noch kann sie es nicht einordnen: “Soll ich jetzt wieder da rein und einfach so tun als wäre nichts geschehen? Oder nochmals auf den Tisch hauen, dass er mich endlich hört?”. Weder noch ist in diesem Moment konstruktiv. 

Sie darf ihre Meinung vertreten. Sie ist wichtig und Teil ihrer Selbst. Bevor sie dies tut, kann sie folgende Fragen für sich klären:

  1. Was genau ist es, was mich so stört?
  2. Welche Gedanken und Gefühle entstehen dabei für mich? 
  3. Welche meiner Bedürfnisse bleiben dabei unerfüllt und warum sind sie mir so wichtig? 
  4. Was wünsche ich mir konkret vom Gegenüber?

Bei genauerem Hinschauen bemerkt sie plötzlich, dass sich jetzt unerfüllte Bedürfnisse entpuppen, welche diesen Konflikt herbeiführen. Sie ist überlastet und wünscht sich zum einen Verständnis und zum anderen mehr Arbeit als Team, was die Kinder und den Haushalt betrifft. Sie bemerkt plötzlich, dass das schon seit Jahren so geht, findet aber auch, dass sie ihn immer mal wieder darauf aufmerksam gemacht hat. Doch sie konnte das bisher nie so in Worte fassen. Und er? Er kann leider keine Gedanken lesen. Für sie ist klar: Sie will ihm ihre Bedürfnisse erläutern und sie möchte mit ihm eine Lösung finden. 

Wenn wir unsere Glasglocke heben, zeigen wir uns  

Zurück in der warmen Stube findet sie ihn auf dem Sofa wieder. Mit der Erkenntnis ihrer eigentlichen Bedürfnisse entscheidet sie sich, die hysterische Kampfsprache aus- und die wertschätzende Klärungssprache einzuschalten. 

“Hast du einen Moment für mich?”

Er nickt und legt dabei das Buch zur Seite. 

“Ich war draussen um etwas frische Luft zu schnappen. Dabei realisierte ich, dass es nicht der Spülglanz war, der mich zum explodieren brachte. Seit ein paar Monaten erlebe ich dich abwesender. Vieles bleibt an mir hängen und ich merke wie sehr mich das auslaugt. Dabei fühle ich mich unverstanden und mit Vielem alleingelassen. Ich wünsche mir mehr Teamarbeit!” 

In einer Ich-Botschaft konnte sie erläutern was sie an ihm stört, welche Konsequenzen das für sie hat und welche Gefühle das in ihr auslöst. Zu guter Letzt äussert sie ihre Bedürfnisse. Sie hebt damit ihre Glasglocke und zeigt sich. 

Er ist baff. Er hat mit vielem gerechnet, damit aber nicht. 

Und sie? Sie fühlt sich plötzlich federleicht. Sie konnte ihre Bedürfnisse erkennen und in Worte fassen.

Die eigene Glasglocke zu heben erfordert viel Mut. Das Gegenüber kann das mit aufmerksamen und annehmendem Zuhören natürlich begünstigen. Wenn wir unsere Glasglocke heben, zeigen wir uns nicht nur selbst, wir signalisieren auch, dass wir offen sind eine andere Perspektive zu sehen. 

Eine gemeinsame Lösung fägt! 

Nach einer Bedenkpause geht das Gespräch weiter. Diese Pausen sind wertvoll. Womöglich brauchte er etwas Zeit, mit der neuen Ehrlichkeit seiner Partnerin einen Umgang zu finden. Wenn immer möglich, sollte sie sich von der Stille nicht entmutigen lassen, es kann durchaus ein gutes Zeichen sein. Beide bekamen Raum, das Ausgesprochene zu überdenken und vielleicht sogar zu verstehen.

Aber alle Achtung: Verstanden bedeutet nicht Einverstanden. Das sind zwei Paar Schuhe.  

Nun stehen sich zwei unterschiedliche und gleichberechtigte Sichtweisen gegenüber. Eine erste Entspannung auf der Beziehungsebene kann spürbar werden, wenn das fortführende Gespräch in der Klärungssprache erfolgt.

Und jetzt? 

Gemeinsam wollen sie eine Lösung. Das fägt insofern nur, wenn beide dafür bereit sind. Noch mehr fägts, wenn beide es schaffen, eigene Grenzen zu stecken und gleichzeitig Toleranz zu zeigen. Das können sie nach folgenden Prinzipien angehen: 

Wir finden eine stabile Lösung, die für uns beide gut ist.
Wir hinterfragen beide unser eigenes Verhalten kritisch.
Wir versetzen uns in die Lage des anderen. 
Wir sorgen gut für uns selbst. 

Wenn die Lösungsfindung zur mission impossible wird 

Nicht alle Konflikte sind lösbar. Konflikte sind so variabel und individuell wie es eben die Menschheit ist. Und das ist auch gut so.

Mitmenschen können wir nicht ändern. Wir würden gern, aber es geht einfach wirklich nicht. Von dieser Idee müssen wir wegkommen. Stehen wir bei der Lösung eines Konflikts an und unser Gegenüber ist nicht kooperativ, haben wir drei simple Möglichkeiten:

  1. Wir geben uns einen Ruck und suchen nochmals die verbale Klärung. 

→ Eine Empfehlung: Lasst die Kampfsprache zu Hause. 

  1. Wir passen die eigene innere Haltung an.

→ *Räusper* Bitte nur, wenn die Selbstfürsorge dabei nicht verloren geht. Wir wissen ja inzwischen, wie wichtig die ist! 

  1. Wir verabschieden uns vom Gegenüber.

→ Meine Damen und Herren: Verabschieden bedeutet nicht Aufgeben oder Versagen. Manchmal haben wir keine andere Wahl. Auch das gehört zum Leben. 

Die positiven Aspekte eines Konflikts – wir haben sie in der Hand! 

Was genau sind denn nun die positiven Aspekte eines Konflikts und deren konstruktive Lösung? 

In meinen Augen sind das folgende, egal ob die Konfliktlösung machbar oder eine mission impossible ist:  

Wir lernen unsere Bedürfnisse zu erkennen und mitzuteilen.
Dabei hören wir intensiver auf uns selbst, was die Selbstfürsorge fördert. 

Wir schauen andere Weltsichten an, verstehen und tolerieren sie. 
Das weitet unseren Horizont und macht uns offener. 

Wir begegnen unserem Gegenüber mit Wertschätzung und Respekt.
Dabei fördern wir die Beziehungsebene positiv. 

Wir leben friedlicher und mit mehr Liebe im Herzen. 
Und das ist die wohltuende Belohnung der Konfliktlösung. Sogar wenn es beim Versuch bleibt. 

Leben mit mehr Liebe im Herzen 

Auch der “stuure Gring” und das “beleidigte Leberwürschtli” haben die Fähigkeit, Konflikte aus einer beobachtenden Perspektive zu betrachten und den Umgang mit ihnen für sich selbst und in manchen Fällen für das Gegenüber zu erleichtern. 

Und wenn wir das beherrschen, sind wir alles Superheldinnen und Superhelden mit ganz viel Liebe im Herzen!

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