Meine Tochter und ich mögen unser Abendritual. Die Überresten des Abendbrotes werden mit dem Eulen-Waschlappen aus dem Gesicht geschrubbt. Danach gibt sie einen ausführlichen Tagesreport an die fleissige Eule. Die ist nämlich eine “Gwundernase” und erkundigt sich gern nach ihrem Tag und ihren gesammelten Eindrücken. Mit etwas erschwertem Weiterschwatzen putzt die Eule zum Schluss noch ihre Zähnchen.
„Gute Nacht du liebe Eule. Bitte nur eine Maus aufessen heute Nacht, gäll!“
Im Bett gibt’s ein, je nach Muttis Tagesform zwei, “Büechli” ihrer Wahl. Am Tag vor dem allseits in den Himmel gelobten Muttertag suchte sie sich zwei ganz besondere Büechli aus. „MY FIRST BOOK OF FEMINISM“ und „MY FIRST BOOK OF GIRLS POWER“. Ein schöner Zufall. Und ja, da schlug mein Emanzen-Herz doch etwas schneller… und die Gedanken danach kreisten noch schneller.

May I present: The photobombing Eulen-Waschlappen.
Der internationale Muttertag
Der Tag an dem wir an die lieben Muttis denken und ihnen liebevoll DANKE sagen. Eigentlich ganz schön, oder? Wir erinnern uns, was sie alles leisten, tragen und oft auch ertragen müssen. Excusez-moi, DÜRFEN. So etwas wie neun Monate “chugelrund” sein, ein dreieinhalb Kilo Menschlein (wenn frau denn Glück hat und es nicht mehr sind) aus der Vagina pressen, Haushalten, Planen und Organisieren, und wenn es die Umstände erlauben auch noch einer guten Erwerbstätigkeit nachgehen. Mutti ist Gedanken-Allrounderin, Pädagogin, Sozialarbeiterin, Betreuerin, Krankenschwester, super-bio-organic Köchin, Herum-Fahrerin, Essresten-Aufesserin und non stop Wohnungs-Schrubberin. Manchmal auch nur „e Blödi“. Das alles in einer Person verkörpert, welche auf Höchstleistung zu funktionieren hat. Am Besten allzeit bereit. Aber hey, es ist ja freiwillig, gäll! „Du wolltest das so. Das gehört halt zum Mutter sein. Dass du Abends so auf den Felgen bist und dich so richtig anstrengen musst, nach dem Abendritual etwas für dich zu tun, ist doch ganz normal.“ Jawohl, Jammern scheint unangebracht.
Wenn ich das noch einmal hören oder lesen muss, haue ich dem Verfasser oder der Verfasserin solch einer Botschaft den Eulen-Waschlappen um die Ohren. Das scheint mir angebracht. Und mal Jammern imfall auch. Und nein, „gopferdelli“ nicht alle Muttis sind freiwillig und gerne Muttis. Eine sehr traurige Wahrheit, die oftmals in unserer perfekten Vorstellung einer perfekten Welt vergessen geht.
Den Muttertag, wie wir ihn heute feiern, wurde 1914 erstmals national in Amerika anerkannt. Diese Bewegung wurde von einer Mutter gestartet und nach deren Tod von ihrer Tochter bekannt gemacht. 1930 kam Mutti’s Tag auch in der Schweiz an. Knapp 100 Jahre ist das nun her, und die Gedanken zum Muttertag haben sich kaum verändert. Doch wie ich finde, hat sich die gesellschaftliche Ansicht des Mutterseins und die Frau selbst verändert. Superheldinnen und zum guten Glück auch Superhelden kämpfen seit geraumer Zeit für mehr Gleichberechtigung und Ansehen der Frauen und Mütter in der Gesellschaft. Zu sehen, dass der Tag noch wie vor hundert Jahren und inzwischen sehr kommerziell gehypt wird, macht mir doch etwas Sorgen.
Wo sind denn eigentlich die Vatis?
Ich weiss, es gibt auch einen Vatertag. Dieser hat für mich bedauerlicherweise einen Touch von “mann, bist du grossartig! Du übernimmst Verantwortung und schiebst das brüllende Baby auch mal durchs Dorf am Sonntagmorgen, damit Mutti ausschlafen kann?“ Überwältigend…
Okay Boys, ich verstehe. Kinder gebären und Stillen inkl. hormonellem Horrortrip kriegt ihr nicht hin. Es sei euch verziehen. Wirklich! Aber was ist mit allem anderen, was Mutti täglich leistet? Und kommt mir jetzt nicht mit “es liegt halt in der Natur der Frau.” Sonst fliegt aber endgültig der Eule-Waschlappen.
Mich beschleicht das Gefühl, dass auch das Mutter-Tochter Gespann, die diesen Tag vor über 100 Jahren so gedankenvoll ins Leben gerufen haben, sich im Grab umdrehen wenn sie sehen, wie er heute rein gar nicht der Modernisierung von Familienkonstrukten angepasst ist. Und ja, ich finde es gibt hier eine Modernisierung. Ich sehe Vatis mit Tragetüchern rumlaufen und sich das “Kötzli” von der Schulter wischen. Ich sehe Vatis mit schreienden Kleinkindern an der Supermarktkasse, die Situation mit pädagogischer Höchstleistung bewältigend. Ich sehe Vatis im Kontakt mit ihren Kindern.
Und das ist super cool, wirklich! Aber jetzt auch kein Grund mehr sich in die Hosen zu pinkeln vor Freude.
Mein Vorschlag? Wir behalten Mutti’s Tag mit etwas weniger Kommerz. Und erinnern uns jeden Tag daran, dass Vati fast genau so viel kann und endlich auch tun soll!
