Das Motto eines Zusammenlebens mit einer vierjährigen Tochter
Meine Tochter ist inzwischen vier Jahre alt. Eigenartig, wie schnell die Zeit vergeht und dennoch das Gefühl dominiert, als wären wir schon immer gemeinsam durch das Leben gegangen. Lass es Liebe sein… nananaaa… *sing*
Es ist aber nicht immer nur ein Gefühl von Liebe. Manchmal reicht nicht mal mehr ein One-Way-Ticket to the moon. Vom Augen verdrehen beim Auftischen fürs Abendbrot bis hin zu Zunge in Mamas Gesicht strecken und sagen, sie sei doof, ist fast alles mit dabei. Wohlbemerkt manchmal um sieben Uhr morgens. Nachdem ich dachte: „Komm schon Mutti, heute ist ein neuer Tag, es kann nur besser werden.” Ops. Weit verfehlt.
Jawohl, dann bin ich schlecht gelaunt. Sie fragt mich, ob ich jetzt der Schlechte-Laune-Hase bin, den sie aus einem Bilderbuch kennt. Das belustigt mich zugegebenermassen doch etwas. Das gebe ich zu. Ja, ich wäre jetzt gerne ein Hase und würde über alle sieben Berge hoppeln, gaaanz weit weg von dir. Hasen auf dem Mond gibt es ja noch nicht.
Dann gehen wir beide unseres Weges. Sie spielt, ich mache Haushalt. Aber nicht für lange. Plötzlich kreischt sie aus dem Nichts:
“Mamaaa, ich muss so dringend piiinkeln, ich mach mir gleich in die Hoooseee”.
Durchatmen. Ruhig bleiben. Sie schafft das schon.
“Mamaaa, ich brauch doch den Toilettenriiing.”
Hat sie den Ring nicht schon x-Mal selbst auf die Toilette gepackt?
“Mamaaa du MUSST jetzt kommen.”
Ich MUSS nur sehr ungern. Was will denn dieser kleine Mensch von mir? Sie geht sogar nachts alleine auf die Toilette, warum jetzt so ein Drama?
*Kreischt mit viel zu viel Dezibel und streckt mir mit halb herunter gelassender Hose ihre Zunge entgegen*
„Mamaaa du MUSST das machen, du bist doch meine Mamaaa”
*gefolgt von herzzerreissendem Geweine*
Herzzerreissend womöglich für meine Nachbarn. Ich nehme nur noch die viel zu vielen Dezibel wahr und hopple gefühlt gleich aus der Wohnung.
Nach dem Weinen geht es dann oft besser und die lang ersehnte Wendung tritt ein. Endlich! Wir sprechen über den Streit, sie bestätigt mir, dass sie NIEMALS jemand anderem als mir die Zunge rausstrecken würde und ich bewege mich ambivalent zwischen Freude und Entsetzen. Wir nehmen uns in die Arme und finden Streiten mega doof. “Peace, love and happiness” ist der Vorsatz für den Nachmittag.
Um den Frieden zu wahren, spazieren wir ins Dorf und gönnen uns ein leckeres Glacé am Quai. Auf dem Weg dahin schlendern wir an einer Papeterie vorbei und schauen uns draussen die Karten am Ständer an. Eine sticht uns besonders ins Auge: Ein zerzaustes Lama mit schiefen, gelb-braunen Zähnen, das lustig in die Kamera blickt. Wir lachen beide. Darunter steht mit Grossbuchstaben “No drama, lama!”.

Diese Karte hängt nun bei uns am Badezimmerspiegel. Sie erinnert uns seither mehrmals täglich daran, dass wir einander doch eigentlich ganz gern haben.
Bei den Menschen, die man liebt, fühlt man sich geborgen und sicher. Bei den Menschen die man liebt, kann man der Wut auch mal sorglos freien Lauf lassen. Für Vierjährige jedenfalls, finde ich das völlig in Ordnung. Ich fühle mich sogar etwas geehrt, dass ich der einzige Mensch auf der Welt bin, der weiss, wie ihre Zunge aussieht… und dieser Gedanke nimmt mir jeweils das Bedürfnis auf und davon zu hoppeln
Danke für dein Vertrauen, du kleines Drama Lama!
